Landesvertretung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin feiert zehnjähriges Bestehen.

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview Dr. Dietrich Wördehoff : „Sterben ist für viele ein Tabu-Thema“

Die Landesvertretung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin feiert ihr zehnjähriges Bestehen.

Herr Wördehoff, der Landesverband der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin wird zehn Jahre alt. Wie sind die Erfahrungen in dieser Zeit?

WÖRDEHOFF Erste Überlegungen und Aktivitäten zur Palliativarbeit im Saarland gab es schon vor etwa 30 Jahren. Es wurde eine Palliativstation geplant, ehrenamtliche Kräfte wurden ausgebildet. 1994, also vor 25 Jahren, gründeten 13 Menschen aus ganz Deutschland die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin in Köln. Ich gehörte zu den Gründern. Heute hat die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin über 6000 Mitglieder. Das Interesse von Ärzten und Pflegekräften wuchs stetig, deshalb gründeten wir 2009 einen eigenen Landesverband.

Welche Bedeutung hat die Palliativmedizin?

WÖRDEHOFF Palliativmedizin ist eine wichtige und nötige Ergänzung zur kurativen Medizin. Kurative Medizin hat das Ziel, Krankheiten zu beseitigen beziehungsweise Leben zu verlängern. Viele Krankheiten schreiten trotz intensiver „kurativer“ Maßnahmen fort. Palliative Care, also Palliativmedizin und Palliativpflege, kümmert sich um die gute Begleitung und ganzheitliche Versorgung von Menschen mit fortschreitender und lebensbegrenzender Erkrankung; sie will ihnen eine gute und schmerzarme letzte Lebenszeit ermöglichen.

Wie stark ist der Gedanke an den Tod in der Gesellschaft verankert?

WÖRDEHOFF Sterben und Tod ist auch heute noch für viele Menschen ein Tabu-Thema. Nur ein kleiner Teil ist bereit, sich mit der Begrenztheit unseres Lebens auseinanderzusetzen, auch, wenn es ihn selbst oder nahe Angehörige betrifft.

Was wäre – speziell im Saarland - zu verbessern?

WÖRDEHOFF Drei Ziele stehen für uns im Moment im Vordergrund: In allen Krankenhäusern sollen Palliativteams zur Verfügung stehen, die die Patienten mit fortschreitenden Erkrankungen über palliative Hilfen und die Linderung ihrer Beschwerden beraten können. Jeder Arzt, jede Pflegekraft soll Wissen über palliative Therapie erwerben. Seit 20 Jahren schon gibt es eigene Kursangebote von DGP-Mitgliedern für Pflegekräfte und Ärzte. Palliative Angebote braucht es nicht nur für Krebspatienten, sondern in demselben Maße beispielsweise für Patienten mit fortgeschrittenen Herz- Lungen- und Nieren-Erkrankungen, bei sehr alten Menschen, bei Demenz.

Im Saarland gibt es seit knapp einem Jahr ein Ethik-Komitee, dem Sie als Palliativmediziner auch angehören. Was kann das Komitee, in dem neben Haus- und Fachärzten auch Pflegekräfte, ein Jurist und ein Theologe sind, leisten?

Der Sanitätsrat Dr. Dietrich Wördehoff. Foto: BeckerBredel

WÖRDEHOFF Bei fortschreitenden Erkrankungen stellen sich häufig nicht nur medizinische, sondern auch ethische Fragen zur weiteren Behandlung von Patienten, zum Beispiel Fragen zum Beginn beziehungsweise der Beendigung künstlicher Ernährung, der künstlichen Beatmung, der Dialyse und anderer medizinscher Maßnahmen. Das Ethik-Komitee, das ich initiiert habe, will durch Beratung den Betroffenen Hilfen zur Entscheidung und Sicherheit in schwierigen Entscheidungen geben. Jeder Arzt kann sich in solchen Situationen an das ambulante Ethik-Komitee der Ärztekammer des Saarlandes (AEKS) wenden. Jeder Patient, jeder Angehörige kann seinen Arzt bitten, ein Konzil, also eine Beratung, durch das Ethik-Komitee zu beantragen. Ziel ist immer die bestmögliche Versorgung kranker Menschen in schwierigen Krankheitssituationen.

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