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Filmtage
Kurde sein in der Türkei

Kirkel. Zugkräftiger Beitrag der Filmtage der Arbeitskammer: „Dil Leyla“. Der Streifen dokumentiert das Leben der Volksgruppe. Von Anja Kernig

Ist das noch Reportage oder schon Propaganda für die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)? Diese Frage kam am gewittrigen Donnerstag bei den Filmtagen der Arbeitskammer (AK) im Kino Achteinhalb immer wieder mal im Vorführraum auf. Gleich fünf Mal wurde der Film „Dil Leyla“ in Anwesenheit der jungen Regisseurin Asli Özarslan gezeigt. Mit 250 Zuschauern, davon 200 diskutierfreudige Schüler, erwies sich der Dokumentarfilm über Leyla Imret als zugkräftigster der insgesamt fünf Beiträge der „Demokratie, Mitbestimmung, Selbstbestimmung“ überschriebenen Filmtage.


Nach dem gewaltsamen Tod des Vaters, einem PKK-Aktivisten, war Leyla vom südanatolischen Cizre als minderjährige Asylbewerberin nach Bremen gekommen. Dort wuchs sie bei ihrer Tante auf. Auf der Suche nach ihren Wurzeln ging die Friseurin und Erzieherin mit 25 zurück in die Heimat. Mit 81 Prozent der Stimmen wurde sie in der Kurden-Hochburg unweit der syrischen Grenze 2014 zur jüngsten Bürgermeisterin der Türkei gewählt. Sie ließ 150000 Bäume pflanzen, ein modernes Schlachthaus für den Basar bauen – die Hoffnung auf Normalität war mit Händen greifbar.

Vorbei. Heute lebt Leyla aus Angst vor Verhaftung im Untergrund.  Aber: „Es geht ihr gut“, weiß Asli Özarslan.

Sie ist keine Unbekannte in Saarbrücken. Erst im Januar hatte die Berlinerin ihren als Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg produzierten Film bei den Max-Ophüls-Tagen vorgestellt. Ursprünglich war er als Porträt einer starken, interessanten Persönlichkeit gedacht, die etwas verändern will für ihre Landsleute. Das erzählte sie im Anschluss an die Abendvorstellung im „AK-Gespräch“ mit Jürgen Meyer, Leiter der Stabsstelle Innovation und Umwelt der Arbeitskammer. Doch bedingt durch die völlig unvorhersehbaren, dramatischen politischen Ereignisse entwickelte sich „Dil Leyla“ zum Zeugnis der gewaltvollen Unterdrückung der kurdischen Minderheit. „Ich hätte nie gedacht, dass der Film so endet“ – mit Bildern aus einem erneut zerstörten, von Regierungsmiliz und Militär kontrollierten Cizre.

Entsprechend betroffen waren die Reaktionen auf den Film, die sich in sehr vielen  Fragen Bahn brachen. Ob es denn noch Hoffnung auf eine neue, demokratischere Türkei gebe in Cizre? Ohne könne man schwerlich überleben an solch einem Ort, antwortete Asli Özarslan. Ob eine Frau in so einem Amt nicht eine „krasse Ausnahme“ sei? Nein. „Frauen haben in der Türkei schon lange Managerpositionen“, Bürgermeisterinnen seien nichts Unnormales. Mit Tansu Çiller gab es sogar schon vor 20 Jahren eine Ministerpräsidentin. Komplexer war die Frage, warum viele Kurden zunächst Erdogans AKP gewählt haben und warum diese Sympathie nach zehn Jahren kippte. „Das weiß ich nicht“, meinte die engagierte Filmemacherin. Fakt sei: „Die Linken haben ihre Angst nie verloren und hielten immer Distanz.“ Unverständnis herrschte beim  Publikum darüber, dass die EU und Deutschland nicht eingeschritten sind während der Blockade, bei der 300 Menschen starben.



Negative Konsequenzen habe dieser Film für die Regisseurin bisher keine gehabt: „Ich war gerade vier Monate in Istanbul, da war nichts zu spüren.“ Allerdings habe sie mit Rücksicht auf die Familie Leylas ihren Film in der Türkei nur vor einem handverlesenen Publikum gezeigt, nicht öffentlich. Am Herzen liegt ihr, dass man sich jetzt nicht abwendet von der Türkei. Denn: „Die Zivilgesellschaft funktioniert noch“, wenn auch unter Druck. „Das Wichtigste ist, auf die Situation aufmerksam zu machen. Man kann in die Türkei reisen, ganz normal.“ Aber doch nicht in die kurdischen Gebiete, kam prompt die Rückfrage aus dem Saal. „Nein, dorthin natürlich nicht.“

Der Film „Dil Leyla“  wird am 2., 3. und 13. Juli jeweils um 20 Uhr erneut im Kino Achteinhalb in der Nauwieserstraße 19 gezeigt.