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Künstler Rocco Indovina aus Saarbrücken malt mit seinem Smartphone.

Serie Menschen im Regionalverband

„Es ist natürlich, unsterblich zu sein“

Rocco Indovina kam während langer Zugfahrten darauf, dass man zum Malen heutzutage nicht mehr Farbe und Pinsel braucht. Mittels verschiedener Apps malt der Saarbrücker seine Bilder mit dem Smartphone und lässt sie später drucken. FOTO: Iris Maria Maurer

Saarbrücken Der Künstler Rocco Indovina aus Saarbrücken malt mit seinem Smartphone. Seine Werke haben eine klare Botschaft.

Eine Leinwand, Pinsel, Farben und ein Atelier – all das braucht Rocco Indovina nicht. Der 28-Jährige aus Saarbrücken kreiert Kunstwerke mit seinem Smartphone. Kunst ist für ihn Kommunikation. Also warum nicht das Kommunikationsmittel, das nahezu jeder bei sich trägt, auch dafür nutzen?

Die Idee, reale Farbkunstdrucke auf Leinwand, Aluminium oder Acrylglas mit virtuellen Werkzeugen zu schaffen, kam dem Koch und Systemgastronomen während Dienstreisen, als er an diversen Restaurant-Eröffnungen im Ausland beteiligt war. „Ich war oft im Zug unterwegs und wollte die Reisezeit nutzen, um zu malen.“ Farben, Pinsel und andere Utensilien immer dabei zu haben, sei nicht möglich gewesen. „Damals kamen aber Smartphones mit speziellen Stiften und Mal-Apps auf den Markt. Ich habe angefangen, einfach mal auszuprobieren.“ Das Ausprobieren dauerte ganze fünf Jahre.

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Die Fibonacci-Zahlenfolge

Benannt ist die Fibonacci-Zahlenfolge nach dem italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci, der im Jahr 1202 damit das Wachstum einer Kaninchenpopulation beschrieb. Die Zahlen bilden eine unendliche Folge natürlicher Zahlen, wobei sich die nächste Zahl immer aus der Addition der vorangegangenen Zahlen ergibt: 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, usw.

Die Fibonacci-Folge kommt unter anderem in der Natur vor. Sie beschreibt das Wachstum von Pflanzen. Beispielsweise sind die Blätter vieler Pflanzen in einer Spirale angeordnet, die sich aus der Fibonacci-Folge ergeben.

Die Apps bieten verschiedene virtuelle Pinsel an, die Farbpalette unterscheide sich nicht von traditionellen, realen. Auch die Struktur der Leinwand könne digital verändert werden, erklärt Indovina. Mittlerweile nutzt er sechs Mal-Apps gleichzeitig. Perfekt sei das allerdings immer noch nicht. Irgendwann möchte er selbst eine App entwickeln. „Der technische Aspekt ist eine der Herausforderungen, die mich reizen.“ Eine weitere sei die Auflösung auf dem kleinen Bildschirm und sein Wunsch, dass das Werk später den virtuellen Kreationsprozess nicht direkt enthüllt. „Das Digitale soll nicht herausgehoben werden. Das Kunstwerk soll aussehen, als sei es tatsächlich gemalt oder gespachtelt worden.“

Echte Farben und Pinsel benutzt Indovina nicht mehr. Er könne es sich auch nicht vorstellen, jemals wieder mit Öl- oder Acrylfarben zu arbeiten. „Farben sind zwar wunderschön zu nutzen, aber sie bremsen mich aus. Sobald ich etwas Inspirierendes sehe, kann ich mit dem Smartphone sofort beginnen.“

Es sei schwierig, in der Kunstwelt Aufmerksamkeit zu erregen – auch deshalb arbeitet Indovina nur noch mit dem digitalen Werkzeug. Trotzdem „wollte ich noch eine Schippe drauflegen“. In seinen Werken orientiert er sich unter anderem am Goldenen Schnitt. Höhe und Breite der Bilder sind ganz bewusst festgelegt. „Dafür braucht es auch ein gewisses Mathematik-Verständnis.“ Wie genau er es schafft, dies auf einem Smartphone-Bildschirm umzusetzen, ohne das Gesamtwerk im Blick zu haben, verrät Indovina nicht.

Neben dem handwerklichen Reiz, nimmt die Fibonacci-Folge (siehe Infokasten) eine weitere zentrale Rolle in seinen Werken ein. „Bei mir dreht sich alles um Mensch und Natur. Deswegen die Zahlenfolge, sie ist ein Stück Natur.“ Indovina glaubt an die Unsterblichkeit. Er ist überzeugt, dass die Menschheit in einigen Jahrzehnten so weit in der Medizin und im Digitalen fortgeschritten sein wird, dass ein Verbund beider Disziplinen ein ewiges Leben – zumindest des Geistes – möglich macht. „Die Lösungen dafür finden wir in der Natur. Sie lebt es uns vor.“ Darin gebe es keinen Alterungsprozess. „Es ist natürlich, unsterblich zu sein.

Was wäre, wenn das, was du heute tust, Auswirkung auf dein Leben in 100 oder 200 Jahren hätte? Ich glaube nicht, dass wir alle Ungerechtigkeiten oder ein Leben geprägt von ‚höher, schneller und besser’ leben würden, wenn wir wüssten, wir wären noch in 200 Jahren da.“

Daher ist ihm wichtig, mit seinen Werken auch auf nachhaltiges Handeln hinzuweisen. Rund 200 Stunden braucht Indovina für ein Werk. Die Kunstdrucke erscheinen in einer limitierten Auflage. Seine Bilder hängen in der Regel in einer Galerie in Hamburg, mit der er zusammenarbeitet. Im vergangenen Jahr konnte er sich bereits international etablieren. Einige seiner Werke wurden in einem Museum in Peking ausgestellt. Ab 23. März hängen für sechs Tage einige Bilder in einer Galerie in New York, und im Dezember geht es nach Miami. Leben kann Indovina von seiner Kunst noch nicht. „Das möchte ich momentan auch nicht. Wenn ich das tue, wird sich vermutlich meine Art zu malen ändern. Dann würde ich unter einem gewissen Druck stehen, und das will ich nicht.“

Mit seiner Kunst möchte Indovina auch bedürftige Menschen unterstützen. In Kooperation mit Druckereien, Farbherstellern und Schuhgeschäften gestaltet er Deckel von Schuhkartons. Diese schenkt er Obdachlosen. „Sie erhalten diese Werke, um Passanten nach einer Spende zu belohnen.“ 2017 startete er diese Aktion in der Saarbrücker Innenstadt, im vergangenen Jahr in Köln. Weitere Städte sollen folgen.