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Verein Augenblick organisiert den vierten Fotowalk
Kreativität kennt keine Grenzen

Saarbrücken. Der Verein Augenblick organisiert den interkulturellen Fotowalk in Saarbrücken mit dem Ziel, Hemmschwellen abzubauen. Von Tobias Ebelshäuser

„Das ist eine Eistorte!“, scherzt eine Teilnehmerin. Zum Thema „Geburtstag“ hat ihr Vierer-Team im Ein-Euro-Shop Geburtstagskerzen gekauft und sie in einen kleinen Schneehaufen gesteckt. Ist das jetzt geschummelt, Requisiten zu kaufen? Nicht wirklich. Denn viele Regeln gibt es nicht bei dieser Fototour durch die Saarbrücker Innenstadt. „Eigentlich müssen die Bilder nur an diesem Tag bei der Tour entstanden sein. Sonst nichts“, erklärt Marina Henn vom Verein Augenblick. „Doch, die Teilnehmer müssen kreativ sein. Und vor allem Spaß haben!“, wird sie laut lachend von ihrer Vereinskollegin unterbrochen, einer dunkelblonden Frau mit Wintermütze.



Augenblick, ein Verein für visuelle Bildung, wie er sich selbst nennt, veranstaltet die interkulturellen Fotowalks seit April dieses Jahres. In einer Mitgliederversammlung im vergangenen Februar sei die Frage aufgekommen, wie man Geflüchteten bei der Integration helfen könne, erzählt Marina Henn. Sie arbeitet hauptberuflich an einem Integrationsprojekt in St. Wendel. „Das größte Problem, das ich immer wieder feststelle, ist, dass die Leute, selbst wenn sie gut Deutsch können, ganz schwer jemanden zum Sprechen finden, weil die Hemmschwelle jemanden anzusprechen so groß ist“, sagt sie. Also wollte man ihnen helfen, jemanden zum Sprechen zu finden, und sie gemeinsam in einem Team auf einer Fototour ins kalte Wasser werfen. Sodass sie eben sprechen müssen - über ihre Fotos.

So sind auch die Themen gestaltet, zu denen fotografiert werden soll. Heute zum Beispiel: Weihnachten, Mohammeds Geburtstag, ein normaler Geburtstag, Silvester und Karneval.

Die Teams werden bunt zusammengewürfelt. Meist sind sie zu viert unterwegs. So wie bei diesem Team: Zwei Saarländerinnen, ein Syrer und eine Syrerin gehen gemeinsam auf die Fotojagd. Barbara Hoffmann und Fadi Al-Nizami kennen sich bereits. Sie waren schon mehrere Male im Fototeam zusammen. Fadis Lieblingsthema war bisher Ostern, bei der Tour im April. „Da habe ich ein schönes Bild gemacht, mit ganz bunten Eiern“, sagt er und lacht. Er holt sein Handy heraus, bei Facebook hat er eine Seite erstellt für seine Fotografien. „In Syrien habe ich auch schon fotografiert, aber das hier ist viel, viel besser“, sagt er.

Auch Maya Al Kayal hat bereits in Syrien fotografieren gelernt. An der Universität in Damaskus habe sie Kunst studiert. Ihr Abschlussprojekt war ein Stop-Motion-Film über ein Mädchen und ihren Fuchs – ein Puppentrickfilm, bei dem aus einzeln fotografierten Bildern ein Video entsteht. Sie möchte ihren Master in Deutschland machen, deswegen will sie hier weiter fotografieren, um sich zu verbessern: „Mein Traum wäre es, solche Kinderfilme irgendwann beruflich zu machen“.

Einen echten Wettbewerb gibt’s beim Fotowalk nicht. Keiner gewinnt, keiner verliert. Man braucht keine teure Spiegelreflexkamera. Ein Smartphone oder Tablet tut es auch. Es geht nicht darum, dass Fotos perfekt aussehen, sondern dass man über sie redet, über die verschiedenen Auslegungen der Themen diskutiert. Während bei dem Thema zu Mohammeds Geburtstag die Saarländerinnen des Teams leicht ratlos sind, lenkt Fadi Al-Nizami sein Team zielstrebig in einen Döner-Laden an der Europagalerie. Dort fotografiert er eine etwas unscheinbare Dekoration. „Siehst du, das hier ist das Symbol von Mohammed“, sagt er und zeigt auf einen Fotoausschnitt auf seinem Kameradisplay.

Zusammen entsteht so – neben Fotos – ein spannender kultureller Austausch. Auch wenn die Kulturen und Sprachen, mit denen die Menschen aufgewachsen sind, noch so unterschiedlich sein mögen – in der Kunst kann das manchmal überhaupt gar keine Rolle spielen. Ganz im Gegenteil. „Fadi und ich haben sogar ganz oft genau die gleichen Bilder zu einem Thema“, sagt Barbara Hoffmann.