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Vitamine
Krauteinschnitt: Eine Tonne Weißkohl kam unter die Hobel

Beim Krauteinschnitt  in Neuweiler: Sascha Klas und Heiko Geiges (vorne v.l.) stampfen das Kraut ein.    
Beim Krauteinschnitt in Neuweiler: Sascha Klas und Heiko Geiges (vorne v.l.) stampfen das Kraut ein.     FOTO: Thomas Seeber
Neuweiler/Fischbach. Von Anja Kernig

Schrapp, schrapp, schrapp – es ist mal wieder Sauerkrautzeit bei der Siedlergemeinschaft Brennender Berg am gleichnamigen Gasthaus. Die Geräusche stammen von den rhythmischen Auf-und-Ab-Bewegungen, unter denen Kohlkopf für Kohlkopf schnell an Größe verliert. Lagenweise fällt Weißkraut in das Leinentuch, das sorgfältig über einen Zuber gespannt ist.


Ein paar Leute schauen interessiert zu. Nebenan im Biergarten stillt man schon fleißig den Samstagsdurst und harrt der Gefüllten, die in Töpfen auf provisorischen Kochstellen hinterm Haus köcheln. Derweil wird hier vorn an der Straße die nächste Fuhre gehobeltes Kraut umgefüllt und gesalzen.

Männerhände in weißen Handschuhen graben sich durchs Gemüse. Ist es gut durchmengt, wird es in große und kleinere Steinguttöpfe gefüllt. Dann muss der Mann mit dem Holz-Stampfer ran, „der Trottel“, witzelt Sascha Klas, wohl wissend, dass sein schweißtreibender Part maßgeblich für die Konsistenz des Endproduktes ist.



Salz und Druck helfen die Zellwände des Kohls zu zerstören. Dadurch kann aus den Blättern Wasser und Luft entweichen, so dass der benötigte milchsaure Gärungsprozess in Gang kommt.

Zum 12. Mal veranstaltet die Siedlergemeinschaft den „Krauteinschnitt“. Die Idee hatte damals Hermann Schmitt: „Früher gab es den Tiroler Krautschneider vom Vorarlberg“, erinnert sich der 84-Jährige. Als der es gesundheitlich nicht mehr packte, reagierte die Schwiegermutter leicht panisch.

„Mach dir keinen Kopf, ich hab genau zugeguckt“, beruhigte Schmitt seine Schwiegermutter und nahm die Sauerkrautproduktion fortan in die eigenen Hände. Und er gab das Know-how gern an die Siedlergemeinschaft weiter.

Die war am Sonntag mit etwa 30 Leuten an zwei Fronten zu Gange – beim Zubereiten der gefüllten Klöße mit Speckrahmsauce, laut Chef Axel Moll etwa 200 Portionen – und beim Sauerkraut-Service.

Gewachsen sind die Kohlköpfe in Lisdorf. Bevor sie mit einem gut geschärften Spezialwerkzeug von ihrem Strunk befreit werden, fallen noch die äußeren Blätter. Alles in Handarbeit, unter großem Hallo, Sprücheklopfen und Mit-der-Sonne-um-die-Wette-lachen. Den ersten Kohlkopf hobelt Hermann Schmitt traditionell selbst – „das lass ich mir nicht nehmen, aber nachher sind die jüngeren dran“ – während er den verantwortungsvollen Job des Salzens ausübt.

Mengenmäßig hatte man sich etwas verschätzt, so dass die Kollegen aus Fischbach noch schnell 20 Kilogramm Kohl vorbeibrachten. Im Nachbarort war man nämlich ebenfalls fleißig am Krauten. Dort sogar mit 60 Helfern, die Versorgung stellte das Rote Kreuz sicher. Zusammen verarbeiteten die beiden Siedlergemeinschaften eine ganze Tonne Weißkohl. Zehn Kilo davon ging an Familie Drokur, die eigens aus Hühnerfeld rüberpilgerte.

„Das Kraut hat einen ganz anderen Geschmack. Mit dem gekauften kann man das gar nicht vergleichen“, betonte Hans-Werner Drokur.

„Wir haben das im letzten Jahr zum ersten Mal probiert, das war super“, fügte Ehefrau Beate an. Verspeist wird das milchsaure Gemüse – nach einer Lagerzeit von mindestens vier, fünf Wochen – mit Erbsenpüree, zum Kassler oder zu Leberknödeln. „Das passt überall.“

Die nächste Generation der Krauteinschneider steht schon in den Startlöchern – beziehungsweise hopste und tollte am Samstag ausgelassen durch die Gegend. Ein bisschen Überzeugungsarbeit ist da allerdings noch von Nöten. Auf die Frage „Mögt ihr Sauerkraut“, schüttelten der sechsjährige Max und sein Kumpel leicht angewidert die Köpfe. Egal, das wird schon!