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Theaterszene
Künstler-Kollektiv macht Theater im Bunkerhotel

Ensemblemitglied Nadia Migdal beim Proben im Bunkerhotel.   
Ensemblemitglied Nadia Migdal beim Proben im Bunkerhotel.   FOTO: Kerstin KRämer / Kerstin Krämer
Saarbrücken. Diese Theatermacher mögen schräge Spielorte. Gänsehaut gibt’s im neuen Stück schon am Eingang. Von Kerstin Krämer

Gesellschaftspolitische Phänomene hinterfragen, Räume für einen interkulturellen Diskurs schaffen und diese einem heterogenen Publikum zugänglich machen: Das will das Korso-Op.-Kollektiv. Gegründet im Herbst 2016, besteht das freie Ensemble aus zehn Theaterschaffenden, die in Saarbrücken, Straßburg, Berlin, Saargemünd, Köln, Tel Aviv und Peking leben.


Kennzeichen des Kollektivs sind Inszenierungen in Collage-Form, das Arbeiten im kollektiven Prozess und das Erobern vermeintlich unbespielbarer „Theater-Unräume“. Nachdem die Premiere „BabylonPogo“ 2017 im Garelly-Haus in der Eisenbahnstraße in Saarbrücken angesiedelt war, hat Korso-Op. für „Das Folgenreich – Atempause vor dem Sturm“, den zweiten Teil seiner Trilogie „MaschineMenschGott“, das so genannte „Bunker-Hotel“ gegenüber dem früheren Stadtbad entdeckt.

Der ehemalige Bunker, ein fensterloser Betonbau mit vier oberirdischen Etagen und einem Keller, hat eine wechselvolle Geschichte: Im Zweiten Weltkrieg errichtet für bis zu 6000 Menschen, war er nach dem Krieg Logierbetrieb.



Nun hat der Investor Hendrik Becker die 1982 zum Atomschutz-Bunker umfunktionierte einstige Bettenburg gekauft, weil er darin Büroräume einrichten will. Um dem Kollektiv schon die Nutzung zu ermöglichen, hat Becker, der bereits die erste Produktion sponserte, Brandschutztüren einziehen lassen. Wegen strenger Auflagen sind bei den zwölf Aufführungen nur je 40 Zuschauer zugelassen. Die werden im Eingang einer Klang- und Video-Installation ausgesetzt und dann durch das Gebäude geschleust – durch ehemalige Waschzellen etwa oder durch eine Lobby mit Theke und Live-Musik im früheren Frühstücksraum.

Noch herrscht Baustellenatmosphäre im dunklen Labyrinth. Es wird Security bereitstehen, um einen im Fall einer Panikattacke zu einem der Ausgänge zu geleiten. Ging es in „BabylonPogo“ um Mensch und Technik, versteht sich „Das Folgenreich“ als pathetische, humorvolle, erbarmungslose, triviale und intellektuelle Hommage an die Freiheit des Individuums im Spannungsfeld von Regeln und Normen. Dafür verschnitt Korso-Op. Texte von Grimme-Preisträger Gregor Koppenburg mit Bibelstellen, Interviews, Blogs und biographischem Material zu einem Thriller über Macht und Gehorsam und sucht weiter nach den „Triebwerken des Menschseins“.

Diesmal liegt der Fokus auf dem Zusammenleben. Wie viel Individualität ertragen und brauchen wir? Wozu verführt uns unsere Angst? Welche Blumen des Bösen knospen im Soziotop? Wie gefährlich sind Vertrauen und Nähe? Welches Versuchslabor böte sich hier besser an als eine Absteige als Durchgangsort menschlicher Schicksale.

Als Menschen im Hotel agieren Nina Schopka, Nadia Migdal, Nicolas Marchand, Elodie Brochier, Elfie Elsner und Markus Müller. Für Konzeption und Textcollage zeichnen Nina Schopka, Gregor Wickert (auch Design/Ausstattung) und Thomas Hupfer verantwortlich. Das Ganze ist eine Kooperation mit dem „xm:lab“ der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Koproduzent ist die Compagnie TGNM aus Forbach. Das Lichtdesign besorgt Krischan Kriesten, die Visualisierungen von Grigory Shklyar.

Im Viertel jedenfalls löse die Wiederbelebung des Bunkerhotels rege Neugier aus, berichtet Gregor Wickert: „Wir kriegen viel Besuch von Anwohnern und ehemaligen Kunden des Stundenhotels.“ Eine Warnung: Zwar ist „Das Folgenreich“ nicht wirklich interaktiv, aber es hat durchaus Folgen, wie man sich beim Einchecken verhält.

Premiere: Samstag, 3. November, 20 Uhr, Bunkerhotel Ecke Richard-Wagner-Straße/Sulzbachstraße. Weitere Termine: 4., 9., 10., 16., 17., 22., 23., 24., 29., 30. November und 2. Dezember, jeweils 20 Uhr. Weitere Infos und Kartenreservierung im Internet.