Kolumne So kann’s gehen EM-Vorfreude kam nach langem Anlauf

Klebebildchen und Tippspiele mit den Freunden kündeten immer von großen Aufeinandertreffen kickender Herren. Vor dem heraufziehenden Fußballspektakel stellt sich die Euphorie erst verspätet ein.

 SZ-Kolumnist Nico Tielke.

SZ-Kolumnist Nico Tielke.

Foto: Robby Lorenz

Große Fußballturniere waren für mich immer das Highlight des Jahres. Die vier Wochen im Sommer stellten Geburtstagsfeiern, Weihnachtsfeste, sogar Urlaube in den Schatten. Ein unspektakulär klingendes Vorrundenspiel wie Tschechien gegen Schottland verpassen, das förmlich nach einem torlosen Unentschieden schreit? Für mich undenkbar. Meine persönliche Vorbereitung ging meist schon Anfang Mai los. Da wurden die ersten Panini-Bilder eingeklebt, die Tippspiel-Runde mit Freunden eröffnet, im Kicker-Sonderheft gecheckt welche Nationen interessante Kader haben und und und. Rituale, die einfach dazugehören. Naja, zumindest bis der Preis einer Tüte Klebebildchen noch nicht mit einer Kugel Eis um den rasantesten Anstieg konkurrierte. 2021 ist davon nicht viel geblieben. Meine Vorfreude kommt noch schwerer in die Gänge als die deutsche Nationalmannschaft in der endenden Jogi-Ära. Nach dem Warum muss ich nicht lange fragen. Die Entscheidung der Uefa, am Turnier mit elf Gastgebern festzuhalten, verärgert nicht nur mich.  Wer schon etliche Reisen wegen der Pandemie absagen musste, hat kein Verständnis dafür, dass etwa die Schweizer Nationalmannschaft in der Vorrunde erst von Baku in Aserbaidschan nach Rom und dann zum dritten Spiel wieder nach Baku reisen muss. Das ruft schon fast nach einem EM-Boykott. Da entschädigt auch nicht, dass die Stadien zumindest wieder zu zwei Siebteln gefüllt sind.
Außerdem: Die Aussicht auf Gurkenspiele ist groß wie nie. Spieler sind erschöpft von einer Saison ohne Pause. Und wie schon 2016 scheiden nur acht von 24 Teams nach 36 Spielen aus. Da müssen sich die Top-Teams nicht überanstrengen. Gott sei Dank hat sich die Telekom die Exklusiv-Rechte an zehn Vorrundenspielen gesichert. Zum Beispiel an Tschechien gegen Schottland. Da bleiben mir und manch anderem Allesgucker ohne „Magenta TV“ die eine oder andere Nullnummer erspart.
Das ist gut, denn zum Boykott wäre es bei mir wohl doch nicht gekommen – die Vorfreude kam schleppend, aber sie kam dann doch. Im Tippspiel bin ich angemeldet, und auf dem Couchtisch liegt aufgeklappt das Kicker-Sonderheft. Seite 117 verrät mir die voraussichtliche Taktik des EM-Neulings Nordmazedonien. Das Turnier kann kommen. Tschechien gegen Schottland gibt’s dann eben in der Zusammenfassung.

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