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Wo auch Rentner Feierabendbier trinken

: Wo auch Rentner Feierabendbier trinken

Es gibt Kneipen, die altern mit ihren Gästen und werden so zum Kult. Das Glühwürmchen ist so eine. Ab und zu kommen zwar auch junge Leute vorbei, aber die kriegen dann den Mund kaum zu vor Erstaunen darüber, dass es so etwas Altmodisches überhaupt noch gibt.

Es ist jetzt gut ein Jahr her, da wurde Peter Weis gezwungen, Wirt zu sein. Die Gäste der Kneipe, in der er schon lange arbeitet, haben beschlossen: Er muss ran. Alle anderen seien zu alt gewesen, sagt Silvia Hudalla. Sie gehört zur Stammgästeschar des Glühwürmchens in der Kaltenbachstraße am St. Johanner Markt. Einer musste es eben machen, erklärt sie, denn: "Ohne den Wurm wollen wir nicht leben."

Ans Leben mit dem Wurm konnten sich die Stammgäste auch lange genug gewöhnen. Das Glühwürmchen ist eine der ältesten Kneipen am Markt. Robert Bischof hat sie am 27. Dezember 1974 eröffnet. Als der Wirt im August vor zwei Jahren seinen 70. Geburtstag feierte, dämmerte den Getreuen: Das mit dem "betreuten Trinken" könnte bald vorbei sein. Der "Betreutes Trinken"-Aufkleber an der Tür ist irgendwann von einem "Tatort"-Team angebracht worden, erinnert sich Hudalla. Die Fernsehleute seien nach den Dreharbeiten zum Absacker ins Glühwürmchen gekommen. Einige der Gäste haben sich Sorgen gemacht, dass der alte Aufkleber verschwindet, wenn Robert an einen neuen Wirt übergibt.

Die Sorge war unbegründet. Peter Weis hat alles so gelassen, wie es ist. Na, ja, fast alles. "Behutsam" hat er die Technik erneuert, einen neuen Fernseher gekauft. Ihm war klar: "Wenn ich mehr verändert hätte, dann hätte ich zusperren können."

Dass sich im Glühwürmchen nichts geändert hat in den vergangenen Jahrzehnten, kann man aber auch nicht sagen. Die Trinkgewohnheiten sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sagt Peter Weis. "Die Kaffeetrinkerei nimmt extrem zu", hat er festgestellt. Aus den Leuten, die in der Mittagspause auf ein oder zwei Bierchen vorbeikamen und dann abends noch mal zum Absacker, sind Gäste geworden, die viel Zeit zum Zeitunglesen haben.

Im Glühwürmchen passiert aber auch etwas, das eigentlich gar nicht geht: Menschen, die nicht mehr arbeiten, begießen hier das Ende ihres Arbeitstages. Oder wie Peter Weis es formuliert: "Hier trinken auch Rentner noch Feierbandbier." Seit einiger Zeit merke er, dass es in den Gesprächen dazu immer öfter um Krankheiten geht. Eine leidige Sache, findet Silvia Hudalla. Diesem Gerede müsse sie manchmal "Einhalt gebieten". Damit, dass man Peter Weis habe "überreden" können, Wirt zu sein, ist sie aber sehr zufrieden. Der selbst hat sich in sein Schicksal gefügt. Er sei ja lange Bedienung gewesen im Glühwürmchen. Und schon 55. Da gezwungen zu werden, Wirt zu sein, sei nicht das Schlimmste, was hätte passieren können. "Was hätte ich denn auch sonst machen sollen?", fragt er.