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Wer zu spät kommt, dem tut das Leben nichts

Wer zu spät kommt, dem tut das Leben nichts

Dass das Leben die bestraft, die zu spät kommen, wie es ein Staatsmann einmal behauptet haben soll, kann ich nicht bestätigen. Ich war in diesem Jahr, das gerade seinen Geist aushaucht, oft zu spät.

Das Leben hat mich deswegen weder nachsitzen lassen, noch hat es mir dafür Knöllchen an die Brille geklebt.

Im Gegenteil: Einmal hatte ich sogar den Verdacht, dass das Lebern mich für meine Unpünktlichkeit belohnt. Meine Frau und ich waren mit dem Auto unterwegs und mal wieder viel zu spät losgefahren. Das hat mich geärgert - bis die Meldung im Radio kam, dass es wegen eines größeren Unfalls auf unserer Strecke zu einem Stau kommt. Wären wir pünktlich ins Auto gestiegen und losgefahren, dann wären wir womöglich auch pünktlich dort gewesen, wo es geknallt hat- also pünktlich genug, damit unser Auto eins der Unfallfahrzeuge hätte sein können. Das Leben kann also gar nicht so viel gegen Zuspätkommen haben, habe ich mir gedacht.

Meine Frau nennt solche Gedankengänge "Schönreden". Ich nenne sie eine "optimistische Grundeinstellung". Die hilft aber nur bedingt. Als ich vor ein paar Tagen das Wort "Danke" an einer vergitterten Ladentür im Nauwieser Viertel gelesen habe, war er da wieder, der "Mist, zu spät!"-Gedanke. In dem Laden haben junge Künstler ihre Arbeiten verkauft, zu Gesprächen und Musik eingeladen. Ich wollte da immer mal rein. Zu spät.

Das koreanische Restaurant neben dem Laden wollte ich auch unbedingt ausprobieren. Jetzt hat es schon wieder zugemacht. Vielleicht war es also gut, dass ich zu spät dran war, weil ein gutes Restaurant ja nicht wenige Monate nach der Eröffnung schließt. "Schönreden" höre ich meine Frau sagen.

Zu spät sein - mein Opa wäre entsetzt. Er war ein Mensch, dem Zuspätkommen ein Graus war - und er hat aus dem Krieg die Mahnung mitgebracht: "Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit." "Um zwölf wird gess" klang bei ihm nicht lustig. Denn es bedeutete: Um zwölf! Nicht eine Minute vorher und nicht eine Minute nachher. Wenn um fünf Minuten vor zwölf noch nicht alle, die da sein sollten, das Esszimmer betreten hatten, wurde er nervös.

Mein Großvater war Zuwanderer. Er kam nach dem Krieg aus dem Osten ins Saarland. Und er hatte bis ans Ende seines Lebens mit diesen "Saarfranzosen" gefremdelt, die das mit der Pünktlichkeit nicht so genau nahmen und auf der Arbeit erst mal etwas gegessen und getrunken haben - weil: "Geschafft hann mir dann schnell."

Würde er die Listen sehen, die ich ständig schreibe, um nicht aus den Augen zu verlieren, mit wem ich mich unbedingt bald mal treffen will, was ich alles - irgendwann später - zu erledigen habe oder noch unbedingt machen muss, dann würde er vermutlich lachen. Und würde ich dann erklären, ich wisse, dass das mit den Listen so eine Sache ist, man aber doch noch Ziele haben muss im Leben, dann würde meine Frau wohl sagen, dass ich mir da jetzt wieder etwas schönrede.

Aber das gerade beginnende Jahr hat einen Tag mehr als das letzte. Vielleicht kann ich ja mit den geschenkten 24 Stunden etwas Verspätung aufholen.

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