Was sich bei Hitze so alles ändert

Kolumne : Bekennende Warmduscher

Wenn das Thermometer auf Rekordhöhen steigt, ändert sich vieles. Auch die Bedeutung eigentlich sehr unnetter Worte: Sie werden bei extremer Hitze schlicht zu Tatsachenbeschreibungen.

Längst sind sie den Weg alles Irdischen gegangen, die Kaffeebecher mit den witzigen Enten und den schrägen Sprüchen drauf. Nur eine Tasse aus der Serie hat die Jahre überstanden. Die Ente guckt da ziemlich dämlich in die Welt; kein Wunder, die Aufschrift weist sie als „Warmduscher“ aus. Ein giftiges Wort. Herbert Wehner, der knorzige Sozialdemokrat, meinte es nicht nett, als er über seinen Parteifreund Willy Brandt sagte, der Kanzler bade gern lau. Nicht heiß, nicht kalt, nicht Fisch, nicht Fleisch, ohne Leidenschaft, ohne Entschlossenheit – unangenehme Eigenschaften, das merken selbst dösige Morgenmuffel und greifen an solch einer Tasse vorbei. Aber in der vorigen Woche habe ich den „Warmduscher“-Be­cher mit Absicht und Überzeugung aus dem Schrank geholt: Nichts erfrischt bei Gluthitze besser und nachhaltiger als eine mild-laue Dusche.

Äußerst unnett ist normalerweise auch die Unterstellung, jemand gehe zum Lachen in den Keller. Heiterkeit allenfalls im Verborgenen, in der Außendarstellung hingegen Ernsthaftigkeit bis zum Anschlag – solche Zeitgenossen sind anstrengend und unbeliebt. In der vorigen Woche aber habe ich gelernt, dass manche Umstände zur Umwertung aller Werte führen. Jawohl, ich bin zum Lachen in den Keller gegangen. Und konnte dort so herzhaft, so befreit lachen, wie es nirgendwo sonst möglich war. Denn im Keller – und nur dort! – war es herrlich kühl.

Wenn Ihnen also im weiteren Verlauf des Sommers irgendwo Warmduscher und Keller-Lacher begegnen, dann denken Sie bitte nichts Arges. Sondern einfach nur ans Wetter.

Mehr von Saarbrücker Zeitung