125 Jahre Straßenbahn: Von Niespulver und einem Hund in der Straßenbahn

125 Jahre Straßenbahn : Von Niespulver und einem Hund in der Straßenbahn

Diese Woche vor 20 Jahren ist die Saarbahn auf Jungfernfahrt gegangen. Bereits gut 105 Jahre vorher, 1892 nämlich, wurde die Gesellschaft für Straßenbahnen im Saartal gegründet und übernahm den „Dampfstraßenbetrieb“ auf der etwa 8,5 Kilometer langen Strecke von Luisenthal bis zum Busbetriebsbahnhof in St. Johann. Damals wie heute ist Bahnfahren nicht nur Fortbewegung, sondern eine Quelle vieler Geschichten.

Wer sich auf den Weg macht, der erlebt etwas, manchmal sogar etwas, von dem er noch gut 50 Jahre später gerne erzählt. Etwas, von dem es einem warm ums Herz wird, oder das vielleicht auch ein paar Tränen kullern lässt. Dabei muss man nicht unbedingt große Reisen machen, um in Erinnerungen schwelgen zu können.

Für Dagmar Hennings zum Beispiel ist eine Busfahrt von Dudweiler auf den Rodenhof in den 60er Jahren unvergessen geblieben.

„Von einem Faschingsball in der Mensa der Uni fuhr ich nachts nach Hause. Für ein Taxi hatte ich kein Geld, also nahm ich den Bus. Ich war jung, angstfrei und wohl auch angeheitert“, erzählt sie. Weit nach Mitternacht war sie der einzige Fahrgast und kam mit dem Fahrer ins Gespräch. Am Hauptbahnhof wollte die junge Frau aussteigen, weil der Bus ab da nicht in die richtige Richtung weiterfuhr. Sie wollte durch den Lützelbachtunnel zum Rodenhof gehen. „Am Bahnhof deutete der Fahrer mit einer Handbewegung an, dass ich sitzen bleiben kann. Er fuhr weiter, verließ im Ludwigskreisel seine Strecke und fuhr rechts ab Richtung Rodenhof. In der Neunkircherstraße setzte er mich vor meiner Haustür ab.“

Dagmar Hennings ist eine der Leserinnen, die mir geschrieben haben, nachdem ich darüber berichtet habe, dass dieses Jahr 125 Jahre öffentlicher Personennahverkehr in Saarbrücken gefeiert wird. Christa Merkelbach hat „eine kleine Familiengeschichte“ geschickt –  „betreffend die Straßenbahn in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts“. Ihre Eltern lernten sich 1923 kennen, schreibt sie. Der Vater lebte damals mit seinen Eltern in der Breitestraße, die  Mutter bei ihren Eltern in Burbach. „Meine Großeltern hatten zur damaligen Zeit ein kleines Kaufhaus in der Wilhelmstraße: Kurz-Weiß-Wollwaren-Spiel-und-Galanteriewaren.“

Der Vater hatte einen Dackel, mit dem er an Wochenenden mit der Straßenbahn zur Mutter nach Burbach fuhr. „Eines Tages wurde es dem Hund in der Breitestraße langweilig und er sprang in die nächste Straßenbahn Richtung Burbach“, erzählt Christa Merkelbach. Der Hund tauchte im Kaufhaus auf. „Und weil das so gut klappte, machte er das öfter und ließ sich abends von meinem Vater wieder dort abholen“, berichtet sie. Niemand wusste aber, dass der Hund mit der Straßenbahn gefahren war, man glaubte, er habe den weiten Weg auf Pfoten gemacht. Bis eines Tages der Straßenbahnschaffner dem Vater sagte, er müsse für seinen Hund nun schon mal bezahlen. „Er musste natürlich nicht bezahlen, man hatte Spaß an dem schlauen Hund“, erzählt Christa Merkelbach

Ingrid Berndt hat auch geschrieben. Sie erinnert sich an eine Begebenheit aus ihrer Schulzeit in den 50er Jahren. Mit drei oder vier anderen Mädchen, so genau erinnert sie sich nicht, fuhr sie fast täglich mit der Straßenbahn von Brebach zum Malstatter Markt zur damaligen Mädchenmittelschule. „Unser Lieblingsplatz war die hintere Plattform, da man dort die Schultaschen bequem lagern konnte. Einmal auf der Heimfahrt hatte eine von uns plötzlich Niespulver dabei, und wir bliesen das in der Gegend herum, worauf sich die anderen Fahrgäste beim Schaffner beschwerten“, erzählt sie. Der hat die Mädchen am St. Johanner Markt rausgeworfen – auch eine Mitschülerin, die gar nicht mitgemacht hatte. Diese beschwerte sich bei ihrem älteren Bruder, der dann mit dem Auto zur Endhaltestelle der Straßenbahn fuhr und den Schaffner dort beschimpfte.

Am nächsten Morgen, erzählt Ingrid Berndt, „wurden wir zur Schuldirektorin, Frau Bauer, ins Sekretariat bestellt, und es prasselte ein Donnerwetter auf uns nieder mit der Androhung von Schulverweis“. Es war klar: „Der Schaffner hatte uns verpetzt. Wir mussten alle eine saftige Strafarbeit in Form eines längeren Aufsatzes schreiben.“ „Das Thema weiß ich nicht mehr“, sagt sie. Aber wer erinnert sich auch schon gerne an Strafarbeiten, wenn es so schöne, witzige und wilde Bus- und Bahnerlebnisse gab.

Dieses Foto hat Margot Günther aus Riegelsberg geschickt. Es entstand Ender der 20er Jahre an der Endstation Luisenthal, von wo die Bahn nach Brebach fuhr, schreibt sie. Foto: Sammlung Margot Günther

Sie haben wundervolle Geschichten zu erzählen, dann schicken Sie eine E-Mail an m.rolshausen@sz-sb.de oder schreiben an Martin Rolshausen, SZ, Gutenbergstraße 11-23, 66 117 Saabrücken.

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