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Viel mehr als sinnlose Schmiererei

Christina John
Christina John FOTO: Robby Lorenz
Saarbrücken für Fortgeschrittene. Christina John

Ich werde wahrscheinlich nie hinter das Geheimnis kommen, was es bringen soll, irgendwelche Graffiti-Schriftzüge auf Wände, Parkautomaten, Mauern oder Elektrokästen zu schmieren. Es beschert viel Ärger, die Beseitigung kostet eine ganze Menge Geld. Meistens ist das Gekritzel noch nicht mal lesbar, und es sieht einfach nicht schön aus. Aber es gibt auch Ausnahmen. Das, was mit Hilfe von Spraydosen und Farbeimern entsteht, kann auch Kunst sein. Die rund 450 Meter lange Stützmauer unter der Stadtautobahn an den Saarwiesen bietet den Sprayern und Künstlern seit 2002 die Chance, sich zu entfalten - vollkommen legal. Unnötig, sagen die einen: Warum sollte diese Plattform die Randalierer von anderen Orten fernhalten? Ganz Unrecht haben die Kritiker nicht. Immerhin werden die Züge und Brücken immer noch vollgeschmiert. Trotzdem eine schöne Sache, sagen die anderen: Denn die Fläche unterhalb der Stadtautobahn zeigt, dass Graffiti mehr sein kann als nur wilde Parolen. Und das stimmt. Klar, auch auf dieser Fläche ziehen sich irgendwelche unleserlichen Wörter über ein paar Meter entlang. Aber es gibt da noch mehr. Über die Jahre haben sich die verschiedensten Werke angesammelt, von Super Mario bis zur - etwas skurrilen - Variante des Letzten Abendmahls, die übrigens immer noch zu sehen ist. Die Kunst reicht von intuitiven Malereien bis zu politischen und kritischen Botschaften. Die Mauer ist immer in Bewegung, immer im Wandel. Und jetzt, da sich der Frühling allmählich anbahnt, scheinen die Künstler wieder aus ihrem Winterschlaf zu erwachen. Eine kleine Gruppe habe ich vor ein paar Tagen schon die Wand auf der linken Saarseite entlanggehen sehen. Sie haben sich beraten, Flächen abgeschätzt und neue Ideen gesammelt. Ich freue mich darauf, im Sommer die nächsten Kunstwerke aus der Spraydose zu betrachten. Graffiti bietet viel mehr als sinnlose Schmiererei.