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So kann’s gehen
Tante Gertrud und der Kuss-Automat

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Tante Gertrud werde ich nie vergessen. Eigentlich war sie ja gar nicht meine richtige Tante, sondern die beste Freundin meiner Mutter. Aber beiden hat es immer gefallen, wenn ich Tante gesagt habe. Das war damals so. Meine Mutter war stolz, dass ich so wohlerzogen war. Und Tante Gertrud hat sich gefreut, dass ich zu ihr Tante gesagt habe. Kinder mochte sie sehr, sie hatte selbst vier davon. Und immer, wenn wir dort zu Besuch waren, wurde ich freudig begrüßt. Sie hat es gut gemeint, aber für mich war’s anstrengend. Tante Gertrud hatte nämlich die Angewohnheit meinen kleinen, zarten Bubenkopf mit ihren großen, fleischigen Händen zu packen und mir dann einen nassen Schmatz auf die Stirn zu drücken. Wie ich es gehasst habe. Von Jörg Wingertszahn

Daraus habe ich schon früh meine Lehren gezogen. Als Tante Edith (meine echte Tante) zur Begrüßung ein Küsschen wollte, hatte ich eine tolle Ausrede, die ich bis heute genial finde. Nämlich: Tut mir leid, Tante Edith. Geht heute nicht. Der Kuss-Automat ist leer. Und ich weiß nicht, wann er wieder aufgefüllt wird...