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Kolumne Saarbrücken für Fortgeschrittene
Mit dem Bus Richtung Ewigkeit

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Die erste Fahrt im Linienbus seit langem hat was. Sie offenbart Seiten der Stadt, die einem am Steuer des eigenen Wagens verborgen bleiben. Von Ruth Rousselange

Jüngst habe ich ein vergessenes Prinzip der Entschleunigung wiederentdeckt. Lange war es mir entfallen, hat sich aber aufgrund besonderer Umstände betreffs eines ausgefallenen Pkws nun aufgedrängt. Ich habe Saarbrücken mit dem Bus bereist. Wie langsam die Stadt an einem vorbeigleitet. Gut, Sie behaupten im Stau sei das genauso. Und doch ist es nicht ganz dasselbe.


Im Stau wird man gefordert, man muss sich Stück für Stück vorankämpfen, muss darauf achten, nicht aus Frust mutwillig auf den Vordermann aufzufahren, muss die gereizten Nerven unter Kontrolle und die Temperaturanzeige des Autos im Auge behalten. Bei mir persönlich bekannten Autos ist das jedenfalls durchaus angebracht. Im Bus muss man dagegen gar nichts tun, außer sitzen. Man darf sich entspannen und Schaufenster betrachten, die einem vorher nie aufgefallen waren. Hat ja wirklich schöne Lampen, dieses Antiquitätengeschäft..., nett, die kleine Bäckerei dort..., Second-Hand-Läden gibt es also auch noch... Es beginnt zu dämmern, in den Straßen hängt schon die Weihnachtsbeleuchtung, ist aber noch nicht eingeschaltet. Dieses Wochenende ist ja auch erst der erste Advent. Obwohl, der Weihnachtsmann ist schon geflogen. Ein bisschen früh, finde ich. Nun ja, was man beim Busfahren noch entdeckt, sind enge Straßenzüge, die ausschauen, als fehle dort nicht nur die Weihnachtsbeleuchtung, sondern auch die reguläre. Dank Bus kommt man auch da mal durch. Und erspäht Hinterhöfe, Rückfronten, verlassene Firmen, ein bisschen beängstigend, so im Dunklen, aber auch interessant.

Wie viele Haltestellen es allein in Scheidt gibt und in den Orten noch weiter draußen. Wie groß dieses Saarbrücken doch ist, wo man so lange hindurchfahren kann. Bis man endlich zu Hause ist, hat es eine gefühlte Ewigkeit gedauert, die von hunderttausend Haltestellen zerstückelt wird. Übrigens zeigt im Bus eine Leuchttafel nicht nur den jeweiligen Halt an, sondern auch eine Uhrzeit. Wohlgemerkt „eine“, nicht „die“, denn mit der realen Zeit hat die Bus-Uhrzeit gar nichts zu tun. Offenbar wirft da keiner mal einen Blick drauf und stellt sie richtig ein. Ist auch egal, in Anbetracht der Ewigkeit...