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Kolumne flüssig&gut: Sprache ist wie Bier, sie gehört zu den Flüssigkeiten

Kolumne flüssig&gut : Sprache ist wie Bier, sie gehört zu den Flüssigkeiten

Alles soll immer so bleiben wie es ist? Das wäre doch sehr traurig - zumindest wenn es um Sprache geht und um Bier. Beides wandelt sich. Und das ist meistens wundervoll.

Als „die da oben“ damit begonnen haben, das „ß“ aus dem „Faß“ zu streichen und durch „ss“ zu ersetzen, ein paar Kommaregeln geändert und die Groß- und Kleinschreibung von Wörtern logischer gemacht haben, da konnte ich mich nicht empören. Es gab Menschen, die befürchteten, dass das, was die Kultusministerkonferenz und der Rat für deutsche Rechtschreibung da ausgemacht hatten, zu nichts weniger als dem Untergang des Abendlandes führt. Sprache sei Identität, Heimat, Kultur.

Letzteres sehe ich auch so, aber seit ein paar Tagen kann ich besser erklären, warum ich mich vor gut zehn Jahren nicht aufgeregt habe, als andere davon sprachen, dass die Axt an die Wurzeln unserer Sprache gelegt wird. Vor einigen Tagen habe ich einen Artikel meiner in Wien lebenden Biersommelier-Kollegin Birgit Rieber über die Schwierigkeit, die dunklen Bierstile Porter und Stout sauber auseinanderzuhalten, gelesen. Birgit Rieber stellt ihrer fachlichen Expertise eine wundervolle Erkenntnis voran: „Bier gehört zu den Flüssigkeiten – wie die Sprache.“

Weil Sprache „kein fester Körper“ ist, sondern etwas, das wir - wenn es gut läuft - flüssig sprechen, tun wir uns manchmal eben auch schwer, diese Sprache zu fassen und Wörter zu starren Bedeutungen zu verdammen. Birgit Rieber nennt das englische Wörtchen „Ale“ als Beispiel. Irgendwann verstand man unter Ale einfach Bier. So hatte das neulich auch jemand in Erinnerung, mit dem ich an einem Tresen ins Gespräch kam. Ale, das sei doch einfach nur ein anderes Wort für Bier. Das sei doch nichts Spezielles.

Er hatte Recht - und doch nicht. Denn der Sprachfluss hat das Wort geschliffen. Dunkle Biere wie Porter oder Stout bezeichnet man nicht mehr als Ale. Dafür tauchen nun Pale Ale, Red Ale und Amber Ale auf - also blasses, rotes und bernsteinfarbenes Bier. Und Birgit Rieber hat festgestellt, dass Amber-Ale-Produzenten ihr Produkt manchmal lieber Pale Ale nennen, „weil der Binnenreim „geiler“ klingt“ und die wenigsten Konsumenten schon mal etwas von Amber Ale gehört haben, Pale Ale aber inzwischen vom revolutionär-wilden Bier-Strom in den Mainstream, also in den breiten Fluss, geraten ist.

Alles fließt. Und wir, sagt Birgit Rieber, „die Bierleute sollten viel Verständnis haben für den fließenden Wandel der Sprache“. Ja, das sollten wir unbedingt.

Dunkles Bier scheint anders zu fließen als helles. Foto: Uli Weis/Uli Weis,uli.weis@gmail.com

Kontakt zum Autor dieser Kolumne: E-Mail m.rolshausen@sz-sb.de