Kolumne So kann’s gehen : Pawlow im Klassenzimmer

Corona treibt auch lustige Blüten. Vielleicht werden wir noch in 20, 30 Jahren interessante Folgen erleben. Wenn die Schulkinder von heute plötzlich ans Fenster rennen ...

Ein Bekannter hat mir dieser Tage erzählt, dass bei ihnen an der Schule nach den Herbstferien akustische Signale eingeführt werden sollen. Alle halbe Stunde oder so, ertönt ein Klingel- oder sonstiger Ton – damit Lehrer und Schüler daran denken, die Fenster aufzureißen, um die Aerosole mit dem bösen Corona-Wicht rauszuwehen.

Nicht nur mein Bekannter hatte bei dieser Vorstellung sofort einen berühmten russischen Verhaltensforscher im Sinn: Iwan Petrowitsch Pawlow. Sie erinnern sich? Der Mann ließ immer ein Glöckchen ertönen, wenn Hunde gefüttert wurden. Nach einer Weile waren die armen Tiere so daran gewöhnt, dass er nur klingeln musste, und schon fingen sie an zu sabbern.

Ich stelle mir nun vor, was diese akustische Konditionierung wohl mit der Corona-Kindergeneration anrichten wird. Das Virus wird uns ja selbst im günstigsten Fall noch ein paar Monate an den Rand des Wahnsinns treiben. Zeit genug also, in den Klassenzimmern Pawlow’sche Effekte zu erzeugen. Wenn dann dereinst in 20, 30 Jahren irgendwo ein Gong, eine Klingel oder ein anderes akustisches Signal ertönt, springen womöglich ein paar 30- bis 40-Jährige in die Höhe und rasen zum Fenster.

Aber immerhin wissen sie dann, dass sie wahrscheinlich im Alter von zehn Jahren an der selben Schule waren. Und wenn dann nicht gerade wieder ein Virus wütet, können sie darüber ins Gespräch kommen, zusammen ein Bier trinken gehen und alte Erinnerungen austauschen an eine Zeit, als es in den Klassenzimmern a ... kalt war.