Oh Herr, gib mir dünne Daumen

SZ-Redakteurin Susanne Brenner entdeckt die Evolution.


Vor langer Zeit habe ich in der Schule gelernt, dass die Evolution eine gaaanz langsame Sache sei. Viele, viele Generationen soll es dauern, bis eine Spezies sich an veränderte Umweltbedingungen anpasst - oder auch nicht und dann halt ausstirbt. Das kann aber so nicht stimmen. Derzeit beobachte ich nämlich, dass Evolution problemlos innerhalb einer einzigen Generation stattfinden kann. Ich sage nur: Smartphone. Ich nehme mal an, dass Sie als treue Zeitungsleser schon etwas älter als 15 Jahre sind - Sie werden das Problem also womöglich aus eigener Anschauung kennen. Um eine Nachricht per SMS oder WhatsApp zu verschicken, muss man winzige Buchstaben-Felder treffen, Tasten gibt es ja nicht mehr. Ich bin jetzt noch nicht sooooo alt, dass ich gar nicht mehr anpassungsfähig wäre. Aber mich überfordert das. Ich wische auf dem Display rum und brauche Stunden. Meine 14-jährige Tochter steht daneben und rollt mit den Augen. Wie alle anderen Menschen unter 25 schafft sie es problemlos, mit zwei Daumen (!) zu tippen. Die fliegen nur so über die nicht vorhandenen Tasten. Jetzt ist es nicht so, dass ich besonders dicke Finger hätte. Aber meine Daumen sind zu solch akrobatischen Leistungen nicht fähig. Was mich wirklich irritiert: Als das Kind geboren wurde, gab es noch gar kein Smartphone. Die Evolution konnte also noch gar nicht wissen, dass die beweglichen Daumen mal nötig sein würden. Ich kann es mir nur so erklären: Darwin hatte Unrecht. Es ist doch der liebe Gott, der da oben alles steuert. Und der hat eben beschlossen, der Menschheit des dritten Jahrtausends das Smartphone zu geben - und hat in seiner göttlichen Weisheit natürlich auch gleich für die passenden Daumen gesorgt ...

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