Oh, heilige Einfalt

SZ-Redakteurin Michèle Hartmann hat ihren Sohn getestet.

Waren wir in jungen Jahren eigentlich auch so? Kaum vorstellbar. So gedankenlos, so hans-guck-in-die-luftig? Jedenfalls übersieht der junge Mann immer mal wieder unübersehbare Dinge. Wie etwa die Spülmaschine, die gerne gefüllt werden möchte. Doch just auf der Spüle nimmt es Platz, das schmutzige Geschirr. Na, dann räume ich Teller und Besteck eben selber rein und sage nichts - des lieben Friedens willen. Wer will sich schon jeden Abend streiten über solche ,,Belanglosigkeiten".

So, und dann kam jüngst der ultimative Test, der zeigen sollte, wie weit das geht mit der Gedankenlosigkeit. Es stand da also an der Treppe im Obergeschoss der große Wäschekorb, gefüllt mit den Textilien , die zur Waschmaschine in den Keller sollten. Der Korb stand mitten im Weg, man konnte ihn nicht ignorieren. Und was tut der Nachwuchs, als er nach unten kommt, um mich zu begrüßen? Er vollführt einen sportlich-eleganten Hüpfer - über das Plastikgefäß hinweg.

,,Preisfrage", sage ich zu ihm: ,,Was glaubst du, warum der Wäschekorb an der Treppe steht? Will er eine Gute-Nacht-Geschichte hören? Möchte er darüber diskutieren, dass er in den Keller muss?"

Aha, die Ironie kam an. ,,Oh, Mudda, wer soll dann das ahne?", fragt er etwas beleidigt zurück, springt wieder rauf und trägt den Korb hinunter. Oh, heilige Einfalt, hört das denn nie auf?