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Obsession mit Lilienbouquet

So kann's gehen. Im Duftsprühnebel schwinden SZ-Mitarbeiterin die Sinne. Ruth Rousselange

An Radkappen denke ich, als ich den Verschluss des Parfums betrachte. Genauso sieht er nämlich aus, wie eine kitschige, goldene Radkappe. Gerne würde ich mal schnuppern, doch das Zeug ist leergesprüht. Gleich daneben steht eine Art geflügelter Kelch mit Namen Invictus Aqua for Men. Auf dem Plakat darüber posiert ein Typ mit prächtig tätowierten Muskeln, die Duft-Trophäe geschultert. Was sich unbesiegbar nennt, muss zumindest protzen können. Frisch zitronig riecht der Flakon-Inhalt, hätte man bei diesem schwitzigen Gladiatorenanwärter gar nicht vermutet. Olympea, ein weiteres Wässerchen, gibt sich schwer und reichlich süßlich, ebenso wie Love Story und Obsession. Letzteres erweist sich als zart liliengetönt im Abgang mit einem leichten Beigeruch von Gesundheitstee. Eden und Allure nehme ich schon fast nicht mehr wahr. Schwach erinnere ich mich: Ich wollte ein Geschenk kaufen. Mit einem hübschen Eau de Toilette macht man wenig verkehrt, oder? Sonst halten Boutiquen meist diese hauchdünnen Blättchen zum Ausprobieren des zu erwerbenden Duftes bereit. Da ich keine finde, benütze ich die Handgelenke. Allerdings schwant mir bald, dass es eventuell nicht so klug war, Euphoria, Decadence, Homme wild und Eternity allesamt aufzusprühen. Nebelumwabert wird mir fulminant blümerant, der Duftcocktail steigt mir zu Gemüte und kommt mir nun stechend, brütend, ja unheilvoll brodelnd vor. Da werden einem Götterwonnen versprochen, und dann das! Statt an himmlische Gefilde, denke ich an sehr tief gelegene und an Schmorbraten . Hinaus aus der Boutique wanke ich und hinein in die nächste Gaststätte, bestelle einen dreifachen Espresso, ziehe mich zurück und versuche die schwülstigen Odeurs abzuwaschen. Erholung, das brauche ich nun. Die Geschenksuche längst vergessen, besteige ich mein Cabrio und fahre offen, trotz dunkler Wolken. Spornstreichs visiere ich zu Hause die Couch an, dort hockt aber jemand. Der nur gelegentlich haustierliche Teilnahme demonstrierende Besuchskater rümpft die Nase, sträubt das Fell und zieht sich indigniert zurück. Von aufgesprühter Ewigkeit scheint er wenig zu halten . . .