| 21:17 Uhr

Nautilus Bar
Marmelade um Mitternacht

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Den Namen der Frau, um die es in dieser kurzen Geschichte geht, verrate ich nicht – nicht nur weil ich vermute, dass das die Geschichte noch interessanter macht, sondern weil man nach Gesprächen in einer Bar einfach auch Diskretion erwarten kann. Von Martin Rolshausen

Kurz vor Mitternacht stellte Ralph Marmelade auf den Tisch. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Ralph bezeichnet sich zwar selbst gerne als einen Verrückten. Aber Mitternachts-Marmelade? Das passte so gar nicht zu ihm. Und auch nicht zu dem Tisch an dem wir saßen, nämlich in einer Ecke von Ralphs Nautilus Bar im Nauwieser Viertel. Dort tischt Ralph schonmal Getränke auf, von denen ich bis zu dem Moment, indem er die Flasche hinstellt, nie etwas gehört habe. Faradaí zum Beispiel. Das ist eine Spirituose aus dem Destillat von schwarzem Tee und einer nordbrasilianischen Pflanze namens Parákresse. Heftiges Zeug.


Mit so etwas muss man bei Ralph rechnen. Aber Rhabarber-Marmelade in vier verschiedenen Varianten? Die habe eine gute Freundin gemacht, erklärte er. Diese Freundin sei auch eine im positiven Sinne Verrückte. Und wenn ich noch ein paar Minuten Zeit habe, verprach er, lerne ich sie gleich kennen. Eine Stunde später war ich nicht nur von der Marmelade beeindruckt, sondern auch um ein paar wundervolle Gedanken reicher. Die Frau, die nicht nur eine herrliche Marmlade kochen kann, sondern die Gläser auch mit schönen selbstgemachten Etiketten beklebt, ist weder Köchin noch Grafikerin. Sie will aus ihrem Talent auch kein Geld machen.

In dem Moment, in dem ihr etwas gelungen ist, wende sie sich einer neuen Sache zu, sagte sie. Es gehe um den Weg zu etwas Schönem, etwas in gewissem Sinn Perfektem. Der Schaffensprozess sei reizvoll, sich ganz und gar auf etwas einzulassen. Warum sich also weiter damit beschäftigen, wenn das Ziel erreicht ist, wo es doch so viele neue Herausforderungen gibt? Diese Lebensphilosphie finde ich viel berauschender als den Faradaí. Wer diese Frau war und was sie sonst so macht im Leben, tut hier nichts zur Sache. Man muss nachts in der Nautilus Bar solche Dinge sagen können, ohne seinen Namen zwei Tage später in der Zeitung zu lesen. Ich wünsche aber jedem solche Begenungen –  und gute Marmelade.