Langer Streit um den Nackedei

SZ-Mitarbeiterin Traudl Brenner blickt zurück auf die Zeit, als eine nackte Figur für große Aufregung in der Stadt sorgte.

Letzte Woche haben wir - mitfühlend - berichtet über unseren nackigen Saarbrücker Telemach an der Trillertreppe, dem ein Sofa spendiert worden war, das dann aber wieder entführt wurde. Haben auch erwähnt, dass die Ahnen der heutigen Saarbrücker dieses arme, nackige, vorm St. Johanner Rathaus platzierte Kerlchen nicht mochten. Nun hat uns Stefan Weszkalnys, anerkannter Spezialist für Saarbrücker Geschichte, Zeitungsbelege zur damaligen Telemach-Diskriminierung geschickt. So liest man in der "Saarbrücker Volkszeitung" vom 20.6.1902, die Empörung sei allgemein, die Beseitigung der Figur müsse "energisch in die Hand genommen werden".
Die Protestanten fanden den Nackedei, ausgerechnet nahe der Johanneskirche, "beleidigend". Der katholische Pfarrer wetterte gegen die "Schandfigur". Zitat: "Das Gebot Gottes, das die Unkeuschheit verbietet, gilt in St. Johann nicht mehr." Und viele Saarbrückerinnen haben den Brief an den Bürgermeister unterschrieben, in dem sie "um schleunige Entfernung" der Statue bitten, "im Namen unserer unschuldigen Kinder, deren Keuschheit durch diese unverhüllte Nacktheit untergraben wird".

Unser kleiner Grieche ist ja dann öfter umgezogen, und auch immer wieder kaputtgemacht worden. Dass er seinen heutigen dekorativen Platz hat - dafür darf sich Telemach bei Weszkalnys und dem früheren Denkmalpfleger Dieter Heinz bedanken: Sie haben bewirkt, dass er 1976 an die Trillertreppe kam. Und niemand regt sich mehr über seine Nacktheit auf. Ob das einfach damit zusammenhängt, dass sein Pimmelchen des Anstoßes ohnehin nicht mehr vorhanden ist?