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Keine Lust auf die trostlose Schaukel

Saarbrücken für Fortgeschrittene. Versteh' mal einer die Kinder von heute. Da taut die Sonne nach wochenlangen Minustemperaturen endlich die Stadt auf - und was machen die Kleinen? Sie hocken vor Fernseher, Konsole, Tablet. Als ich am Wochenende meine Nachbarin und ihren Sohn auf der Straße gesehen habe, war das Gesicht des Jungen rot vor Wut. Christina John

"Wir gehen auf den Spielplatz", hat sie gesagt. "Und er hat keine Lust." Ihr Sohn hat die Arme verschränkt, einen Schmollmund gemacht und aus Protest gar nichts dazu gesagt. "Er will lieber an seine Nintendo ", erklärte mir meine Freundin. "Aber manchmal muss man doch auch raus."

"Muss raus". Wenn ich da an früher denke, verstehe ich die Welt nicht mehr. Der Spielplatz auf dem Rastpfuhl war keine fünf Minuten von unserem Haus entfernt. Fast alle Kinder aus der Nachbarschaft sind an den Wochenenden direkt nach dem Mittagessen aus dem Haus und erst wieder heimgekommen, wenn es draußen dunkel wurde - freiwillig. Auf dem Spielplatz wurden Helden geboren, Könige gekrönt und Ritter geschlagen. Wer es am längsten geschafft hat, sich in den Reifenschaukeln ein- und auszudrehen, ohne sein Mittagessen ein zweites Mal zu sehen, hat sich den Respekt der Nachbarschaft mindestens für eine Woche gesichert.

Wir haben uns mit Stolz am großen Klettergerüst Splitter gezogen, haben uns kopfüber vom Kletternetz hängen lassen, bis die Beine taub und der Kopf knallrot waren. Wir haben so lange trainiert, bis wir die Rutschstange raufklettern und die Rutsche rauflaufen konnten. Das Klettergerüst war mal ein Fort, mal ein Piratenschiff, mal ein Schloss oder ein Geheimversteck. Und wer es dort geschafft hat, auf das höchste Dach zu klettern, konnte sich sicher sein, bis zum nächsten Sommer jeden Tag in Ruhm zu baden. Und heute? Heute "muss man" auf den Spielplatz.

Ich habe den Protest des Sohnes meiner Freundin auf Fernseher und Co. geschoben. Aber als ich einen Tag später meinen Vater besucht habe und am alten Spielplatz auf dem Rastpfuhl vorbeigefahren bin, konnte ich den Kleinen doch irgendwie verstehen. Die Reifenschaukel gibt es schon lange nicht mehr. Das riesige Holzgerüst mit der Brücke, den Dächern, der Rutschstange, dem Netz - alles weg. Stattdessen steht da jetzt auf einer riesigen Fläche eine lieblose, einfache Schaukel. Ein Witz - und ein schlechter noch dazu. Kein Wunder, dass die Kinder an solchen Spielplätzen keinen Spaß haben. Wie soll man hier noch Ritter schlagen und Könige krönen?

Sind die Spielplätze in Saarbrücken tatsächlich noch "Spielplätze"? Schreiben Sie mir eine Mail an christinajohn-sff@gmx.de.