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Hunter und die Sehnsucht nach der „Joyce/Medea“

Hunter und die Sehnsucht nach der „Joyce/Medea“

An den Tag, an dem er in meinem Leben aufgetaucht ist, kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich bin mir sicher, dass Hunter S. Thompson schon tot war, als ich zum ersten Mal bemerkt habe, dass er gelebt hat.

 Die „Joyce/Medea“ liegt seit Ende 2013 im Völklinger Weltkulturerbe. Zum 8. Todestag des Autors Hunter S. Thompsons trafen sich auf ihr Boris Pietsch, Hans Gerhard, Nicola Trub und Bernd Nixdorf (von links) in Saarbrücken. Fotos: Martin Rolshausen/Rich Serra
Die „Joyce/Medea“ liegt seit Ende 2013 im Völklinger Weltkulturerbe. Zum 8. Todestag des Autors Hunter S. Thompsons trafen sich auf ihr Boris Pietsch, Hans Gerhard, Nicola Trub und Bernd Nixdorf (von links) in Saarbrücken. Fotos: Martin Rolshausen/Rich Serra
Hunter und die Sehnsucht nach der „Joyce/Medea“

Meine erste Begegnung mit dem, was dieser amerikanische Schriftsteller und Journalist hinterlassen hat, muss also nach dem 20. Februar 2005 gewesen sein. Nach dem Tag also, an dem Hunter sich entschieden hatte, dass es genug ist, sich eine Waffe in den Mund geschoben und abgedrückt hat.

"Entspann dich - dies wird nicht wehtun." Das waren die letzten Worte, die Hunter aufgeschrieben hat. "Kein Spaß mehr" hatte er ein paar Sätze vorher in seinem Abschiedsbrief festgestellt. Fast genau zehn Jahre ist das jetzt her. Ich weiß nicht, wie es mir bis dahin gelungen war, das was Hunter geschrieben hat, zu ignorieren. Als er den Spaß für beendet erklärt hatte, fing er für mich mit seinen Texten jedenfalls erst an.

"Angst und Schrecken in Las Vegas", "Die Todesfee kreischt in Florida", seine Begegnungen mit den Hells Angels , seine zornigen Briefe (ein Teil davon ist vor wenigen Tagen unter dem Titel "Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten: Gonzo-Briefe 1958-1976" als Buch erschienen) - die Wucht von Hunters Worten lässt Gedanken die Richtung wechseln.

Und so war es passend, dass einige seiner Texte an Hunters achtem Todestag auf dem Saarbrücker Landwehrplatz gelesen wurden. Dort stand im Februar 2013 die "Joyce/Medea", das rostige Boot, auf dem der Schauspieler Boris Pietsch und andere kreative Menschen Spinnerei auf Wirklichkeit treffen lassen wollten. Pietsch, der sich damals "der Major" nannte, die Saarbrücker Schriftsteller Bernd Nixdorf und Hans Gerhard und andere ließen den Geist des von Hunter S. Thompson begründeten Gonzo-Journalismus wehen. "Gonzo" sagen die Amerikaner, wenn sie etwas als exzentrisch, als absolut verrückt, von der Norm abweichend beschreiben. Und genau darum ging es auf der "Joyce/Medea": Sie sollte ein Ort sein, an dem sich Menschen begegnen, die den Eindruck haben, dass etwas schiefläuft auf dieser Welt.

Der Todestag von Hunter S. Thompson, dessen Asche der Schauspieler Johnny Depp vor zehn Jahren mit einem Feuerwerk in den Nachthimmel gejagt hat, versetzt mir einen Stich: Ich vermisse den Ort, der die "Joyce/Medea" war. Sie rostet inzwischen in einer Gasse im Weltkulturerbe Völklinger Hütte vor sich hin. Dabei wäre noch so viel nachzudenken bei uns in Saarbrücken über die Frage, die Boris Pietsch stellte, als die "Joyce/Medea" einst auf dem Landwehrplatz vor Anker ging: "Was wollen wir mit unserer Gesellschaft tun, damit wir nicht weiter gegen die Wand fahren?"