Gänseblumenwinter

Ein Blumenmeer mag uns laut so mancher Dichter in Euphorie versetzen, kann einen aber auch erschrecken, meint Ruth Rousselange.

Ich denke an Schnee und bücke mich. Im Grün schimmert etwas weiß, es sind Gänseblümchen - eine ganze Horde Gänseblümchen, falls man das bei Pflanzen so sagen darf. Jedenfalls wirken sie, klein und zierlich wie sie sind, als hätten sie sich zu einem Aufstand gegen den Winter zusammengerottet. Aber was rede ich da vom Winter? An einer Bruchsteinmauer blüht unverzagt ein Rosenbusch, der Jasmin zeigt beharrlich seine Blütenpracht. Der Flieder knospt, das Gras wächst und die Vögel tirilieren was das Zeug hält. Es ist Anfang Januar 2016 nach einem der wärmsten Jahre seit Beginn meteorologischer Messung. Wenn ich nicht richtig aufpasse, ist das umgegrabene Gemüsebeet schon wieder zugewachsen, bevor ich überhaupt damit angefangen habe auszusäen, was da eigentlich sprießen soll.
Ich sollte froh sein. Dank Klimawandel sinken die Heizkosten beträchtlich. Dafür steigt aber der Wasserverbrauch, weil man schon ab Mitte Februar ständig mindestens drei Liter Flüssigkeit trinken muss, um nicht auszudörren. Gut, dass so ein Garten eine zutiefst besänftigende Wirkung hat. Ich betrachte das Gänseblümchenmeer und denke an Wordsworths "I wandered lonely as a cloud" und seine "daffodils", gelbe Narzissen . Angeblich hat Wordsworth zehntausende Narzissen gesehen, die mit ihren Köpfen in der sanften Brise nickten. Tja, Dichter müssen halt immer übertreiben. Keine Ahnung wann der gute alte Wordsworth einsam wie eine Wolke über Täler und Berge des hübschen englischen Lake District gewandert ist und dabei ein goldenes Narzissenmeer entdeckt hat. Vielleicht auch in einem Januar...