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Kneipen am St. Johanner Markt
Es gibt ein Leben nach dem Wurm

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Die Brasserie und das Glühwürmchen sind die ältesten Kneipen am Markt. Die Brasserie hat neulich ihren Mietvertrag verlängert. Fürs Glühwürmchen scheint Feierabend zu sein. Von Martin Rolshausen

Es war Sommer, und alles war gut im Wurm und vor dem Wurm. Peter Weis hatte sich in sein Schicksal gefügt. Seine Gäste, die ihn ein Jahr zuvor zum Wirt erkoren hatten, weil es ja einer machen musste, wirkten zufrieden. Man hatte die Nachfolge von Robert Bischof erfolgreich geregelt. Es schien, als würden ewig Bier, Wein, Spirituosen und Kaffee fließen. Alles andere wäre so etwas wie Weltuntergang gewesen, denn, so dramatisch formulierte es eine Stammkundin: „Ohne den Wurm wollen wir nicht leben.“ Das war vor acht Monaten.



Der Wurm – so nennen die Stammgäste das Glühwürmchen, eine der ältesten Kneipen am St. Johanner Markt. Robert Bischof hat sie am 27. Dezember 1974 eröffnet. Im Sommer 2016 übernahm einer seiner Mitarbeiter: Peter Weis. Er ist es wohl auch, der die Kneipe noch vor dem nächsten Sommer zusperren muss. Für immer. In diesen Tagen ist Peter Weis nämlich eine Kündigung ins Haus geflattert. Rechtsanwalt Carsten Jahn teilte ihm mit, dass der Mietvertrag zum 31. Mai gekündigt ist. Und damit keine Hoffnung auf Nochmaldrüberreden aufkommt, steht in dem Brief auch, dass „vorsorglich einer stillschweigenden Verlängerung des Mietverhältnisses ausdrücklich widersprochen“ wird.

Was mit der Kneipe ab Juni passieren soll, könne er nicht sagen, sagt der Anwalt. Darüber sei er nicht informiert. Muss er ja auch nicht. Weil aber auch sonst niemand gesicherte Informationen hat, schießen die Spekulationen ins Kraut. Da das Haus der Familie des AfD-Landtagsabgeordneten Rudolf Müller gehört, bietet sich zum Beispiel eine Verschwörungstheorie an. Die lautet: Der rechte Politiker wolle den vorwiegend politisch links stehenden Stammgästen die Stühle unterm Hintern wegziehen. Der Haken an dieser Theorie: Das hätte die Familie Müller schon tun können, als Peter Weis die Kneipe übernommen hat.

Während nun im Wurm Endzeitstimmung herrscht, zeigt sich eine Straße weiter, dass Totgesagte manchmal wirklich länger leben. Dort, in der Kappenstraße, hat die belgische Bierkneipe Templier zum Ende des vergangenen Jahres geschlossen. Anfang dieses Monats hat einer der Kellner, Kavithasan Sabanathan, den Laden nach einer kleinen Renovierung mit neuem Konzept, aber weiterhin mit belgischem Bier, wieder aufgesperrt. Restaurant Corsendonk nennt sich das Lokal jetzt.

Auch sonst tut sich einiges am Markt. In der ehemaligen Hotdog-Kneipe Barks bastelt das benachbarte mexikanische Restaurant an einem zweiten Laden. Auch im ehemalgen „No1“ wird gearbeitet. Und auch das Oro soll nicht mehr lange leerstehen, heißt es. Es könnte also so ganz generell möglich sein, dass es irgendwie ein Leben nach dem Wurm gibt.