Endlich Parteichef : Einmal Parteichef und nie wieder

Das Rennen um den CDU-Vorsitz ist weiter offen. Dass SZ-Redakteur Jörg Wingertszahn dabei mehr als nur Außenseiterchancen hat, war ihm selbst nicht bewusst. Aber lesen Sie selbst.

Vorgestern Nacht hat man mich zum Vorsitzenden der CDU Deutschlands gewählt. Sie haben richtig gelesen: Der Parteitag mit seinen 1001 Delegierten hat mich zum Chef der Christlich-Demokratischen Union gemacht.

Wir waren drei oder vier Bewerber. Ich selbst hatte nur Außenseiterchancen. Warum und wieso ich überhaupt angetreten bin, kann ich im Nachhinein nicht sagen. Es war einfach so. Vielleicht dachte ich auch, ich habe ja eh keine Chance.

Dann ging ein Raunen durch den Saal. Eine junge Frau kam auf mich zu und sagte: „Sieht gut aus im ersten Wahlgang. Du hast mindestens 100 Stimmen.“ Nicht schlecht, dachte ich. Dann sprach mich ein langjähriger Schulfreund an und raunte mir zu: „Du hast mindestens 260 bis 270 Stimmen.“ Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es hätte mich nicht mit Genugtuung erfüllt. „Schaun mer mal“, sagte ich zu mir selbst und ging zum Buffet. Dort bat ich eine ältere Dame, mir doch etwas zu essen zu geben. Etwas Lachs, ein bisschen Käse und Salat, bot ich mir aus und bekam es prompt. Ich ließ es mir schmecken. Mittlerweile lief der zweite Wahlgang, ich hatte es ja in die Stichwahl geschafft. Plötzlich kam meine Cousine mit einem Mikro zu mir (sie arbeitet tatsächlich beim Hörfunk) und fragte: „Was sagst Du jetzt zu dem Ergebnis?“ Ich dann so: „Wie? Ergebnis? Ich bin doch noch nicht einmal gewählt. Oder doch?“

Dann rief eine Stimme aus der Saalmitte: „Herr Wingertszahn, kommen Sie schnell, das Fernsehen wartet.“ Es war also wirklich geschehen. Ich war Parteichef.

In einem Gefühl tiefer Genugtuung, eins mit mir und der Welt, schritt ich gelassen und tiefenentspannt durch den Saal mit den Delegierten auf das Podium zum. Aus dem Halbdunkel griffen Arme nach mir, um mich auf die Bühne zu dirigieren. Dort warteten Scheinwerfer und Kameras auf mich. Ein blasser Mittvierziger mit einem dünnen, rötlichen Vollbart wurde mir als Moderator vorgestellt. „Auweia“, schoss es mir durch den Kopf, „der geht zum Lachen in den Keller.“

Auf einem roten Sofa lümmelte ein Journalist herum und sprach in sein Telefon: „Ja, die haben wieder einen aus dem Südwesten gewählt. Schon wieder aus dem Saarland.“ Bevor ich mir darüber klar werden konnte, ob das nun despektierlich gemeint war, schob man mich auf die Mitte der Bühne. Ich sollte reden. Mir fiel aber nichts ein. Nur ein Kalauer. „Kann ich nicht bringen“, dachte ich bei mir. Dann fiel mir noch ein Kalauer ein. Aber das Interview wollte nicht beginnen.

Im Saal unter mir saßen die „Parteifreunde“ an Tischen zusammen, aßen und tranken. Etliche Paare tanzten in der Saalmitte. Die waren alle nur noch mit sich selbst beschäftigt. Und ich wunderte mich, dass das Interesse an mir so plötzlich abgenommen hatte. Wollte am Ende gar keiner hören, was ich zu sagen hatte?

Dann bin ich aufgewacht.

Mein Traum ließ mich ratlos zurück: Warum war es letzten Endes egal, wer zum Parteichef gewählt wird? Warum fielen mir beim Gedanken an die CDU partout nur Kalauer ein? Solche Träume hat niemand verdient.