Ein Saarbrücker Leichenstapler

Ich hätte gewarnt sein können vor diesem Mann. In seinen Mundartgedichten, für die er vor knapp vier Jahren den Saarbrücker Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis bekommen hat, teilte er mit, dass er seine Kinder getötet und gebraten hat. Für diesen Mann sind Himmel und Hölle ein Ort. Und Gott ein übler Geselle, der einem im Minutentakt ins Gesicht schlägt - oder wie es dieser Mann formuliert: Der, den andere den lieben Gott nenne, ist einer, der "do drowwe alle paar minudde ännie in die fress rinnsemmeld". Schlimmer als Gott sind nur die Menschen, die Toten, die über andere Toten lachen. Der Mann, vor dem ich hätte gewarnt sein können, beschreibt es so: "Isch glaab das is das schlimmschde, das lache von denne annere dohde."

Der Mann heißt Christopher Ecker, und er ist wie ich 1967 in Saarbrücken geboren. Vor ein paar Tagen hat mir dieser Mann seinen neuen Roman geschickt: "Der Bahnhof von Plön". Der Titel kommt recht harmlos daher. Aber dieser Roman ist nichts für Weicheier. Wer diesen Roman, den der Mitteldeutsche Verlag, in dem er in diesen Tagen erschienen ist, als Eckers "bislang kühnstes Buch" bezeichnet, lesen will, braucht starke Nerven, einen besonders schwarzen Humor und die Bereitschaft, ernsthaft übers Leben nachzudenken - am besten alles zusammen.

Denn gruseliger als all das Grauen, mit dem Christopher Ecker den Leser konfrontiert, sind die Fragen, die herauskriechen zwischen all dem Wahnsinn, all dem Tod, all dem Leben, all dem Fantastischen. Wer ist der Mensch? Und wie kann es immer wieder passieren, dass die dünne Haut über unserem Menschsein, die Haut, die wir Zivilisation nennen, reißt?

Ohne zu viel zu verraten: Es lohnt sich, über die Leichenberge zu steigen, die Christopher Ecker uns zumutet und seinen Erzähler umschichten lässt. Das Buch ist großartig. Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

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