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Ein fremder Spickzettel macht unsere Autorin nostalgisch

Blick zurück aufs Schülerglück : Das Spickzettel-Paradoxon

Kaum etwas hat unsere Lehrer mehr empört. Aber kann etwas, in das Schüler so viel Mühe stecken, nicht auch Vorteile haben? Vielleicht wird es Zeit für eine Neubewertung. Unsere Autorin ist jedenfalls schon lange Spickzettel-Fan.

Bei dem Corpus Delicti handelt es sich um ein Zettelchen, kaum größer als eine Briefmarke, wohl aus einem karierten Block ausgeschnitten. Zusätzlich wurde es rundherum mit Tesafilm beklebt, damit die Ränder nicht ausfransen können. So ist es auch vor Feuchtigkeit geschützt, weshalb die Schrift noch gut entzifferbar ist, obwohl der Schnipsel offensichtlich schon einige Zeit da auf dem Gehweg liegt, als ich ihn zufällig entdecke.

Ich muss ihn aber gar nicht lesen. Ich weiß nämlich sofort, was es ist. Allein die Aufmachung. Auch der Fundort ist verräterisch: nur wenige Meter entfernt von einer Saarbrücker Schule. Welche, sage ich aber nicht. Ein Bild lasse ich auch lieber weg – jemand könnte die Schrift erkennen, und ich bin ja keine Petze.

Dafür werde ich allerdings hoffnungslos nostalgisch beim Anblick dieses Spickzettels. Dabei müsste ich wohl eigentlich empört sein. Oder jedenfalls so tun als ob. „Betrugsversuch!“ höre ich noch heute meinen alten Mathelehrer faustschüttelnd poltern. „Betrug“, ein hartes Wort. Aber 16 Jahre nach dem Abitur kann ich es jetzt wohl endlich bekennen: Ich habe während meiner gesamten Schulzeit zu allen Klassenarbeiten Spickzettel geschrieben. Jedes Mal. Erwischt wurde ich allerdings nie – weil ich sie nie benutzt habe.

Trotzdem – eigentlich gerade deswegen – bin ich heute ein riesiger Fan der kleinen Papierschnipsel. Ich sehe mich noch als Schülerin an meinem Schreibtisch sitzen. Mit welcher Konzentration ich meine Schulbücher studierte, sorgsam abwägend, welche Formeln, Daten und Definitionen es wert waren, den begrenzten Platz auf meinem Spickzettel zu beanspruchen. Die Hingabe, mit der ich das Ergebnis meiner Überlegung schließlich in mikroskopischer Schrift notierte. Die unzähligen verstohlenen Blicke, die ich immer wieder darauf warf, den letzten nur Sekunden, bevor die Klassenarbeit ausgeteilt wurde und der Zettel hastig in meiner Hosentasche verschwand.

Um dort während der ganzen Klausur zu bleiben. Wieso auch nicht? Durch dieses ganze Prozedere konnte ich den Inhalt schließlich auswendig. Vor- und rückwärts. So war das natürlich nicht gedacht. Ist trotzdem genau so passiert. Jedes Mal. Offenbar arbeitet es sich niemals effizienter als bei der Vorbereitung auf einen „Betrug“. Weshalb ich heute der Meinung bin: Spickzettel schreiben, das müsste eigentlich auf dem Lehrplan jeder Schule stehen. Was natürlich ein Widerspruch in sich ist. Trotzdem. Spickzettel zu verteufeln ist einfach falsch. Ich jedenfalls hoffe, dass für den Schüler, der so viel Mühe in dieses Papierchen gesteckt hat, alles gutgegangen ist. Und er jetzt seine Ferien genießen kann. Wie auch immer der Test ausging: In meinen Augen hat er alles richtig gemacht!