Ein Bäumchen im Abseits

Warum fragt eigentlich niemand, wie es der armen Birkenfeige geht?

Wieso eigentlich steht in jeder zweiten Saarbrücker Arztpraxis ein Ficus Benjamini, auch Birkenfeige genannt? Was prädestiniert diese Pflanze der Familie Maulbeergewächs zum Aufenthalt in Wartezimmern? Ich weiß es nicht, aber irgendetwas suggeriert mir, dass das nicht bloß ein Saarbrücker Phänomen sei. Die betörende Schönheit der tropischen Zierpflanze kann nicht der Grund für ihr häufiges innerhäusliches Vorkommen sein. Jedenfalls nicht in dem Zustand, in dem sich der Ficus befindet, hat er erstmal einige Zeit unbeachtet in der Ecke eines solchen Warteraumes verbracht. Der Grünton seiner Blätter ist durch die geschlossene, pulvrige Staubschicht hindurch kaum noch kenntlich, die Nährstoffversorgung folglich unzureichend und der Begriff "immergrün" ad absurdum geführt. Das Blattwerk beginnt beige und brüchig zu werden und langsam abzusterben. Der Anblick eines solchen Praxisbäumchens müsste für jeden Patienten trefflicher Anlass zum Grübeln sein. Könnte er doch auf den Gedanken verfallen, Parallelen zwischen dem Baum-Arzt-Verhältnis und dem seinigem zum Doktor zu ziehen. Womöglich ließe sich daraus Nachteiliges für die etwaige Behandlung schlussfolgern. Auch verspürt man plötzlich eine nie gekannte florale Sympathie für Birkenfeigen. Man möchte seine Arme um die schuppige Borke des in den dunklen Winkel der Bedeutungslosigkeit verbannten Bäumchens schlingen. Der Staub seiner Blätter wird sich dereinst mit der Erde und den lange schon ausgelaugten Düngekügelchen seines Topfes vermählen, und er wird unmerklich in die Phase trauriger Nicht-Existenz hinüberschrumpeln. Niemals wird er seinen Namen durch die Sprechanlage der Praxis hören: "Herr Ficus bitte. Na, wie geht's uns denn heute?" Nie wird er seine Wurzeln aus dem hässlichen Plastiktopf raffen und frei dem Saarbrücker Stadtwald zustreben können. Was für ein bedauernswertes Schicksal! J.R.R. Tolkiens Baumhirten, die Ents, sie wären entsetzt...