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So kann’s gehen
Die Schwankschwindler

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Schwindeldiagnostiker sollte es nicht nur in der Medizin geben. In der Politik wären sie manchmal sogar noch viel nützlicher, findet unser Autor. Von Jörg Wingertszahn

In der Saarbrücker Bahnhofstraße gibt es einen Arzt, dessen Praxisschild mich sofort gefesselt hat: Der gute Mann ist nämlich Facharzt für Schwindeldiagnosen. Dolle Sache, dachte ich mir gleich. Vor allem in Zeiten wie diesen, wo Politiker in Bund und Land gerade die seltsamsten Purzelbäume schlagen. Vielleicht, weil ihnen schwindelig ist? Oder weil sie generell zu Schwindel und Schwindeln neigen?


Ich persönlich habe in meinem privaten wie beruflichen Umfeld schon mehrfach bei meinen Mitmenschen Schwindel diagnostiziert, aber da ich kein Fachmann bin, will ich mich an dieser Stelle nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Die Medizin jedenfalls unterscheidet Schwindel in die Kategorien „Systematischer Schwindel“ (gerichteter Schwindel) und „Unsystematischer Schwindel“ (ungerichteter Schwindel). Den unsystematischen Schwindel will ich an dieser Stelle mal außer Acht lassen, das gehört zum Politikerdasein dazu wie regelmäßige Diätenerhöhrungen und Dienstwagenaffären. Interessanter ist der systematische Schwindel, den ich bei Ex-SPD-Chef Martin Schulz – oder Chulz, wie er selbst sagen würde –  ausgemacht habe. Ich zähle ihn zur Unterkategorie der sogenannten Schwankschwindler.  Dass Schulz  innerhalb des vergangenen Jahres bei seinen Positionen geschwankt hat, wird keiner ernsthaft in Abrede stellen. In Verbindung mit Schwindel wird daraus eine abenteuerliche Karussell-Fahrt, deren Fliehkräfte irgendwann nicht mehr auszuhalten sind.  Und um seinen persönlichen Vorteil zu sichern, war ihm ja kein Schwindel zu gering. Betrachtet man  den Schwindel nicht medizinisch, sondern sprachlich, hilft der Duden weiter.  Als Synonyme für Schwindel steht dort: „Augenwischerei, Bauernfängerei, Betrug, Betrügerei, Bluff, Fälschung, Gaunerei, Hintergehung, Irreführung, Lüge, Prellerei, Scharlatanerie, Täuschung, Trick, Fake, Geflunkere, Mogelei, Schmu, Schummel, Schummelei, Verladung, Verschaukelung und Beschiss.“ Ist Beschiss nicht ein herrliches Wort, das zu dem ganzen Vorgang („Ich will nicht Minister im Kabinett Merkel werden“) wunderbar passt? Aber wozu über Berlin unken, es reicht ja ein Blick in die saarländischen Landespolitik.

Vor der Vereidigung einer neuen Landtagspräsidentin oder eines Präsidenten sollte man unbedingt einen Schwindeldiagnostiker zu Rate ziehen. Ich kenne da einen, den ich wärmstens empfehlen kann.