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Der Netflix-Konflikt: Die Rache eines Betrogenen

Der Netflix-Konflikt : Die Rache eines Betrogenen

Entgeisterte Kinderaugen, Verwirrung, Verzweiflung – die Sprösslinge meines Nachbarn haben neulich bei ihren Großeltern ihre erste Erfahrung mit einem herkömmlichen TV-Gerät gemacht. Und sie wollten einfach nicht wahrhaben, dass man „Die Sendung mit der Maus“ nicht noch einmal ansehen kann, wenn sie vorbei ist. Von zu Hause kannten sie bis dato lediglich Streaming-Dienste wie Netflix. Dort können sie jede Kindersendung mit einem Knopfdruck zurückspulen und von vorne anschauen– so oft sie wollen.

Die neue Technik bietet zweifelsohne Vorteile. Sie sorgt aber auch für reichlich Konfliktstoff. Etwa zwischen meiner Freundin und mir. Immer wenn ich mal einen Abend nicht zu Hause bin, schaut sie heimlich die nächste Folge der Serie „Stranger Things“, die wir uns eigentlich zusammen ansehen. Ganz schön perfide. Eine Form des digitalen Fremdgehens sozusagen. Und ihr Verhalten führt natürlich zu eklatanten Problemen in der Abendgestaltung. Entweder muss ich eine Folge überspringen oder sie muss sich die heimlich gesehene Folge noch einmal zu Gemüte führen. Die Übeltäterin sieht das weitgehend entspannt. Ich könne die Folge ja schauen, wenn sie mal nicht da ist. Bis dahin könnten wir was anderes machen, meint sie. Bei mir hingegen: von Entspannung keine Spur. Was sollen wir bis dahin bloß tun? Müssen wir zurück in die analoge Welt reisen? Etwas komplett Verrücktes tun, etwa ein Buch lesen? Oder – schlimmer noch – uns gar miteinander unterhalten? Leben am Limit!

Um ihr den Ernst der Lage klar zu machen, hab ich einen Racheplan ausgeheckt. Im Frühjahr wollen wir gemeinsam in Urlaub fahren. Ich fahre aber schon eine Woche vorher. Macht ja nix. Sie kann dann ja alleine in die Normandie reisen, wenn ich mal was anderes vorhabe. Und das Beste: Wenn sie dort ist und ich eine Woche alleine zu Hause sitze, hab ich genug Zeit, alle Folgen von „Stranger Things“ nachzuholen.