Kolumne: So kann’s gehen : Die Muse küsst den Taxifahrer

Manchmal erlebt man schöne Überraschungen sogar an Morgenden voller schlechter Laune. Unserer Kolumnistin ging es auf dem Weg zur Arbeit so.

Ein blöder Morgen. Es ist kalt, ich bin viel zu früh wach geworden. Sowieso hab ich total schlecht geschlafen. Grummel, grummel. Bestimmt wartet in der  Redaktion auch wieder viel zu viel Arbeit auf mich, und wehe, das Telefon klingelt zu früh. Das Kind wird heute wohl eine Klassenarbeit verhauen. Und der Mann hat als erstes gleich schon wieder „Fenster zu!“ gerufen, dabei brauche ich nach dieser unruhigen Nacht dringend Frischluft.

Also, der Tag ist gelaufen. Definitiv. Ich brauche ihn eigentlich gar nicht mehr anzufangen. Die Ampeln auf dem Weg zur Arbeit sind auch wieder rote Welle. Und wieso müssen eigentlich alle gerade jetzt mit dem Auto in die Stadt? Alles furchtbar heute, sag ich doch.

Und dann: An der roten Ampel, plötzlich ein heller Flötenton inmitten des Motorengebrumms. Wir sind neben dem Taxistand zum Halten gekommen. Und da sitzt ein Taxifahrer hinterm Steuer. Auf dem Lenkrad hat er nicht etwa eine Straßenkarte oder eine Zeitschrift liegen, er hat auch kein Handy in der Hand, und es dudelt kein Pop-Radio. Nein, da liegen Noten, und der Mann, der sonst Menschen von A nach B fährt, hat eine exotische Flöte am Mund und übt. An einem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen sitzt er in seinem Auto und spielt tirilierende  Töne. Als er merkt, dass wir zuhören, ist es ihm kurz ein bisschen peinlich, das sieht man, aber dann spielt er doch weiter. Wir winken und lachen. Daumen hoch. Das wird doch ein guter Tag. Wenn Taxifahrer von der Muse geküsst werden, kann das gar nicht anders sein.