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Kolumne So kann’s gehen
Die Gedanken sind frei?

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Es gibt Mächte, die sind offenbar zu mehr in der Lage als Menschen im Allgemeinen und Jäger im Besonderen. Mein Computer hat mich vor einigen Tagen auf diese Mächte aufmerksam gemacht – indem er auf ihr Versagen hingewiesen hat. Von Martin Rolshausen

Ob es ein Versehen der Technik war, die tiefer blicken ließ, als beabsichtigt war? Ich weiß es nicht.


Es ging dabei nicht um diejenigen, die unsere Daten sammeln bei fast allem, was wir im Internet tun. Diese Mächte der digitalen Finsternis, für die Informationen von und über uns die Währung sind, mit der wir ihre vermeintlich kostenlosen Dienste entlohnen, sind keine geheime Macht. Über diese Datensammler wurde viel berichtet. Und weil auch ich mich den Verlockungen dessen, was sie mir bieten für meine Daten, nicht entziehen mag, blieb mir als Trost das, was in einem gut 150 Jahre alten Lied besungen wird: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.“

Und dann ploppte auf meinem Computerbildschirm diese Nachricht auf: „Beim Lesen Ihrer Erinnerungen ist ein Problem aufgetreten.“ Und plötzlich klang das schräg: „Ich denke, was ich will, und was mich beglücket, doch alles in der Still, und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei.“ Meine Erinnerungen werden gelesen? Die Antwort gab mir ein Kollege, der die Sprache der Computer besser spricht als ich. Mit Erinnerungen meint das Computerprogramm Termine, die im elektronischen Terminkalender gespeichert sind und auf die mich die Technik aufmerksam macht, damit ich sie nicht vergesse.



Ich bin also ohne Grund erschrocken. Aber der Schreck sitzt tief. Es klingt plötzlich wie Pfeifen im Wald: „Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen. Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei: Die Gedanken sind frei.“

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SZ-PC FOTO: Martin Rolshausen