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Die legendäre Kneipe
Der Steckdose-Wirt, der loszog und das Fremde suchte

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Gebhard Friebel war Wirt der legendären Kneipe Steckdose im Nauwieser Viertel. Dann zog er los, um das Fremde zu finden. Er fand es vor allem in Asien. Und er schrieb Bücher, in denen er das Erlebte zu Spionage- und Abenteuergeschichten verarbeitetet. Seit einem Jahr lebt Gebhard Friebel im Seniorenheim am Rande des Nauwieser Viertels. Langweilig ist es ihm da, aber er fühlt sich gut versorgt. Von Martin Rolshausen

Die Welt von Gebhard Friebel ist klein geworden. Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl, eine Kommode, auf der ein Fernseher steht, ein Stuhl mit Rollen vor einem Regal mit Schreibplatte, auf der ein Laptop steht. Der Mann, der sein halbes Leben lang das Fremde gesucht hat und deshalb immer wieder aufgebrochen ist, um es irgendwo in der Welt zu finden, wirkt in diesem Zimmer selbst etwas fremd. Aber, versichert Gebhard Friebel: Es gehe ihm gut hier im Margarethenhof.



Vor einem Jahr ist Gebhard Friebel ins Seniorenheim gezogen. Nach zwei Schlaganfällen konnte er nicht mehr alleine zuhause in der Schmollerstraße wohnen. „Es ist gut hier zu sein“, sagt er. Auch wenn es manchmal langweilig ist. Das wiederum liegt daran, dass der 69-Jährige sich mit dem Rollator nur mühevoll bewegen kann. Und daran, dass er sich seit den Schlaganfällen nicht mehr so gut konzentrieren kann. Das hindert ihn an etwas, das ihm sehr wichtig geworden ist in den vergangenen Jahren: daran, seine realen Abenteuer mit der Fantasie zu vermischen und Bücher zu schreiben.

„Der Flug mit dem roten Drachen - Spionage in China“ steht auf einem der Bücher in seinem Regal. „Blutiger Reis - Gekidnappt in Kambodscha“ und „Ein weißer Koffer - Gefangen in Thailand“ auf anderen. Es geht in diesen Büchern unter anderem um das Regime in China, um Drogenhandel in Thailand, um die Auswirkungen der Schreckensherrschaft der Roten Kmehr bis in die heutige Zeit, erklärt Gebhard Friebel.

Er war in Lateinamerika und in Australien, aber am fremdesten sei ihm die Welt immer in Asien gewesen. Deshalb war er in China und hat Gebrauchsanleitungen chinesischer Produkte vom Englischen ins Deutsche und Französische übersetzt. Er war in Thailand, in Kambodscha und in Laos.

Bevor er losgezogen ist, hat er in den 70er Jahren für viele junge Leute in Saarbrücken eine Welt erschaffen: die Steckdose. So hieß seine Kneipe in der Blumenstraße im Nauwieser Viertel. Dort, wo heute das Café de Paris ist, hat Gebhard Friebel 13 Jahre lang vor allem Studentinnen und Studenten eine Heimat gegeben. Das war vor meinem Aufbruch ins Saabrücker Kneipenleben. Aber einer meiner  Kollegen hat vor einigen Jahren geschrieben: „In der Steckdose traten immer wieder Künstler auf, unangekündigt und gegen freie Verpflegung, vor allem mit flüssiger Nahrung.“

„Wir hatten jeden Tag Musik“, erinnert sich Gebhard Friebel. Und damals habe man mit so einer Kneipe noch richtig gut Geld verdienen können. Als er genug zusammenhatte, hat er die Kneipe abgegeben und ist losgezogen. Nicht, um Bücher zu schreiben, sondern um Dinge zu sehen und zu erleben, die er noch nicht kannte. Tagebücher hat er geschrieben, aber die hat er weggeworfen. „Romane haben einen Anfang und einen Schluss“, das habe ihm besser gefallen.

Nach dem Schlaganfall hat er noch ein paar Kurzgeschichten geschrieben. Die hat der Schweizer Verlag, der auch seine Romane gedruckt hat, in einem dünnen Band veröffentlicht. Es sei sein letztes Buch, definitiv, sagt der sympathische alte Mann. Nun hat ein dänischer Verlag den in der Schweiz übernommen. Die Dänen haben sich auch die Rechte an seinen Büchern gesichert. Und das heißt, sagt Friebel: Die sind zuversichtlich, dass sie seine Geschichten weiterhin über Amazon verkaufen können. Vielleicht interessiere sich auch noch der ein oder andere Saarbrücker dafür. Das würde ihn freuen. Denn wer schreibt, sei auch etwas eitel und wolle gelesen werden. Und vielleicht könne er jemanden auch durch seine Bücher etwas von dem weitergeben, was er von den Menschen erfahren und gelernt hat, die er kennenlernen durfte da draußen in der Welt.

Gebhard Friebel
Gebhard Friebel FOTO: Martin Rolshausen