Der Geist des Kaisers

Ob es Tierliebe war, herrschaftliche Arroganz oder ein Wahrnehmungsproblem - darüber mag man streiten. Sicher ist, dass Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, knapp daneben lag mit seiner Überzeugung: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung."

Das hoheitliche Glaubensbekenntnis wurde vor gut hundert Jahren gesprochen. Diese Woche war mir allerdings, als hörte ich ein Pferd wiehern. Es war zu der Zeit, als der Stadtrat den Verkehrsentwicklungsplan diskutierte. Diese Strategie der Stadt scheint von der Hoffnung durchdrungen, dass zumindest ein nicht unwesentlicher Teil der Autos, die Saarbrücken fluten, zum vorübergehenden Ereignis werden. Die FDP sieht in dem Papier sogar einen Plan zur "Verbannung des Autos". Die Grünen begeistert dagegen das Ziel, den Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr von derzeit vier auf zehn bis zwölf Prozent zu erhöhen - und den Autoverkehr um eben diese Größenordnung zu verringern.

"Halt die Klappe", sagte ich in Gedanken zum Geist des Kaisers, der flüsterte: "Ich habe es gewusst: Das Auto ist…" Denn gerade wurde es in der Debatte interessant. Der CDU-Stadtverordnete Hermann Hoffmann sprach vom "Mobilitätsverbund". Das ist, wen ich ihn richtig verstanden habe, ein System, das nicht einer Verkehrsideologie folgt, sondern den Interessen der Menschen entgegenkommt.

Ich stelle mir das so vor: Menschen können mit dem Auto fahren, so viel sie wollen, ohne dass man ihnen das verleidet. Aber es gibt ein Bus- und Bahnsystem, das so gut ist, dass sie die Blechkiste auch gerne mal stehen lassen. Mit der Mobilitätskarte, die sie dazu haben, können sie auch günstig Taxen nutzen, wenn die Busverbindung mal schwierig ist. Dazu gibt es ein Fahrradverleihsystem, das den Sprung aufs Rad jederzeit erlaubt - je nach Wetter oder Strecke oder bis zum Platz, wo das Auto parkt.

Der Geist des Kaisers schwieg. Mobilitätskarte - so modernes Zeug überforderte ihn wohl. Aber offenbar nicht nur ihn. Auch die Saarbrücker Politik. Denn die müsste schon längst aus dem Fahrradbeauftragten eine Mobilitätsbeauftragten gemacht haben. Warum sie das nicht tut? Ob es die Liebe zum Drahtesel ist, herrschaftliche Arroganz oder ein Wahrnehmungsproblem - darüber mag man streiten.