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Philosophie im Straßenverkehr
Dem Seins-Zustand entkommen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Radfahrer sind ganz furchtbare Menschen, sagen Autofahrer. Unsinn, Autofahrer sind die wahre Pest im Straßenverkehr, meinen Radfahrer. Auto- und Radfahrer in einen Sack, wenn man dann draufhaut, trifft man immer den Richtigen, zürnen Fußgänger. Von Martin Rolshausen

Philosophisch betrachtet ist der  Saarbrücker Straßenverkehr eine wahre Freude. Bei uns liegt der dialektische Materialismus auf der Straße. „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“, lautet einer der von Karl Marx formulierten Kernsätze dieser Weltanschauung. Verkürzt formuliert: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.


Das funktioniert im Saarbrücker Straßenverkehr zum Beispiel so: Ein Mensch, dessen Seins-Zustand der eines Autofahrers ist, hält am Straßenrand, um nur mal schnell etwas zu erledigen. Ein Mensch, dessen Seins-Zustand der eines Radfahrers ist, erkennt im Straßenrand einen Radweg und schimpft fürchterlich über den rücksichtslosen Autofahrer. Nämlich entweder fahren diese Autofahrer so, dass dabei Lebensgefahr für Radfahrer entsteht, oder sie stehen den Radlern im Weg.

Der Autofahrer wiederum empört sich darüber, dass der Radfahrer wegen so etwas gleich ausrastet, wo diese Radler doch eh nur nerven und eine Gefahr für den Straßenverkehr sind, so kamikazemäßig, wie die unterwegs sind - und er denkt sich: Warum ist da überhaupt ein Radweg, ein Parkstreifen wäre sinnvoller.



Ein Mensch, dessen Seins-Zustand der eines Fußgängers ist, traut beiden nicht über den Weg - Radfahrern nicht, Autofahrern nicht. Beiden gegenüber ist er in einer schwächeren Position. Die Radfahrer rasen rücksichtslos auf Gehwegen und in Fußgängerzonen rum. Das machen Autofahrer nicht, die verpesten aber die Luft und parken Gehwege zu.

Diese Woche nun sind Menschen ihrem Seins-Zustand entkommen - mitten auf der Wilhelm-Heinrich-Brücke. Eine gehbehinderte Frau wollte am Dienstag mit dem Bus dorthin fahren. Wegen der Baustelle hielt der Bus vor dem Theater. Den Rest des Wegs, so erzählt die Frau,  musste sie durch das Baustellen-Labyrinth auf Krücken laufen. Die Ampel zum Rabbiner-Rülf-Platz sei jedoch so kurz geschaltet, dass die Dame es nicht rechtzeitig während  der Grün-Phase auf die andere Seite geschafft hat. Ein Autofahrer ist dann ausgestiegen und hat ihr über die Straße geholfen. Das fand die Dame „ganz furchtbar nett“.

Ich gehe davon aus, dass der Autofahrer damit nicht vorsätzlich Karl Marx widerlegen wollte. Dennoch: Wir sollten  versuchen, viel öfter unserem Seins-Zustand zu entkommen.