Künstler : Der Mann, der sich wandelt für seine Kunst

Er ist Claude Jaté, Docteur Heidelberg, Dr. Zorro, Niki Dylan und noch ein paar Männer mehr. Und wer mit ihm redet, dem kann schwindlig werden. Heute hat dieser Mann Geburtstag.

Ich habe ihn nicht kommen sehen. Da war eine Bewegung, und als ich von meinem Buch aufschaute, saß auf dem Stuhl mir gegenüber  Claude Jaté. Es war irgendein Frühjahr in irgendeinem Saarbücker Café. Und ich war nicht vorbereitet auf das, was dann passierte. Der Mann, der für mich bis dahin der Maler Claude Jaté war, der Mann, der mit seinen Bildern durch die Stadt läuft, vergewisserte sich erst, ob ich der bin, für den er mich hielt. Dann fing er an zu reden. Über Schmiereien an Hauswänden, die nichts anderes seien als optischer Lärm. Über Joseph Beuys, den er gut gekannt habe. Darüber, dass Kunst immer beliebiger werde.

Aus Claude Jaté wurde während zweier Tassen Kaffee Dr. Zorro. Aus Dr. Zorro Niki Dylan. Dann stand er auf, so unvermittelt, wie er sich hingesetzt hatte, und verschwand wieder. Auf einen Zettel hatte ich mir notiert: „Wir wollen mehr Bäume statt Graffiti. Alles, was wir inhalieren, auch über die Wahrnehmung, übers Auge, wird zu einem Virus.“

Einige Monate später saß ich mit dem Mann, auf dessen Klingelschild Schneider steht, in seiner Wohnung im sechsten Stock eines Hochhauses auf dem Eschberg. Ich habe selten eine so vollgestopfte Wohnung gesehen. Bücher, Bilder, Poster, Musikinstrumente, überall Zettel – und über allem Zigarettenrauch. Wir haben wieder über Beuys geredet und über den miserabelen Zustand, in dem sich unsere Welt befindet und darüber, dass Kunst Verwandlung bedeutet. Und währenddessen verwandelte sich Klaus-Dieter Schneider in Claude Jaté, nur um zu sagen, dass Claude Jaté tot ist. Dann war er wieder Dr. Zorro, Niki Dylan, Bill Dylan, Jack Dylan. Ich konnte mir die ganzen Namen, die er produzierte, nicht merken. Gespräche mit Dr. Zorro können einen schwindelig machen.

Dieses Foto hat Dr. Zorro von sich selbst gemacht. Foto: Schneider

Vor ein paar Tagen meldete sich Docteur Heidelberg am Telefon. Er erzählte von England, einem Adelstitel, davon, dass er beantragt hat, seinen Namen im Pass um den Zusatz „Dylen“ zu erweitern. Er schwärmte von neuen Projekten zur Rettung der Kunst. Denn die müsse gerettet werden. Er erzählte von spießigen Nachbarn, die nicht damit zurechtkommen, dass er seine Wohnungstür mit seiner Kunst schmückt. Die Hauptursache für Stress, erklärte er mir, sei der Umgang mit Idioten. Und als mir wieder schwindlig war, erzählte er, dass er am 14. April 65 Jahre alt wird. Fast so, als hätte ihn das überrascht, so wie er mich damals in diesem Café.