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Kölner Architekt Gottfried Böhm schuf die Residenz am Schlossgarten

Baukunst : Eine Stadtreparatur im Stil der Postmoderne

Mit der Residenz am Schlossgarten ist dem Kölner Architekten Gottfried Böhm in Saarbrücken ein Beispiel für eine großstädtisches Gebäude gelungen, das dazu beiträgt das Palimpsest der Stadt visuell zu lesen.

Wenn ein Wohngebäude sich „Residenz“ nennt, geht es entweder um ein Königsschloss, eine gehobene Senioren-Wohnanlage für pensionierte Studienrätinnen oder um das Werk eines übergeschnappten Immobilienentwicklers und seiner ebenfalls übergeschnappten Marketing-Abteilung. Die Wohnbebauung Talstraße in Saarbrücken trägt sogar den Werbe-Namen „Residenz am Schlossgarten“. Royaler kann ein Wohngebäude aus den frühen achtziger Jahren in der Bundesrepublik nicht heißen: Zur Bauzeit war es schließlich bereits 64 Jahre her, dass der letzte deutsche Kaiser in sein belgisches Exil und weiter nach Doorn in den Niederlanden fliehen musste und nie mehr in die Republik zurückkam.

Die Saarbrücker „Residenz“ ist dennoch ein interessantes Gebäude, denn sie ist ein Beispiel für eine gelungene Stadtreparatur im Stil der Postmoderne. Der Kölner Architekt Gottfried Böhm, in der ersten Hälfte seiner Karriere als Kirchenbauer bekannt, sollte eine geplante viergeschossige Parkgarage am steilen Hang der Talstraße urbanisieren. Böhm wollte den Straßenraum fassen und rahmen und dem Bau eine dezidiert städtische Fassade geben. Deshalb entwarf er vor der Garage eine Zeile mit hohem Erdgeschoss und Laden-Arkade. Arkaden waren in den 80er Jahren bei deutschen Architekten „in“, denn sie erinnern an die Geschäftsstraßen in italienischen Großstädten, und die waren seit Aldo Rossis epochalem Werk, die „Architektur der Stadt“, zum inoffiziellen Vorbild für Architekten und Stadtplaner auch nördlich der Alpen geworden. Der italienische Architekt Rossi stellte sich in „L’Architettura della Città“ gegen das Leitbild der autogerechten Stadt, denn für ihn war die Stadt ein „gebautes Archiv des kollektiven Gedächtnisses“. In seinem Buch untersuchte Rossi en détail die Entstehung der Metropolen und legte eine revolutionär sensible Theorie zum Umgang mit historisch gewachsenen Bau- und Stadtstrukturen dar. Ohne diesen Wegbereiter der postmodernen Architektur wäre Böhms Saarbrücker Spätwerk nicht denkbar gewesen.

Der marktschreierische Name seines Saarbrücker Gebäudes spiegelt die Nutzungen in keiner Weise wider: Die Zeile an der Talstraße enthält Läden bis ins Obergeschoss, und die drei Etagen darüber dienen als Büros. Das Dach der schnöden Garage wurde mit Wohnungen bebaut, die durch Gassen, Wege und Höfe entlang kleiner Vorgärten erschlossen werden. Jede Wohnung hat direkten Kontakt zum Außenraum und erlebnisreiche Wohnumgebungen. Die Fassaden aus rötlich eingefärbten Betonfertigteilen hat Böhm plastisch durchgeformt. Ein Bandfenster prägt die erste Etage, darüber trennt ein Gesims Läden, Parkhaus und Büros voneinander. Erker und Fugen gliedern den langen Riegel in einzelne „Häuser“ in den Proportionen traditioneller Parzellen.

Böhm war lange Zeit lang der einzige deutsche Architekt, der den Pritzker-Preis bekommen hatte. Erst 2015 folgte ihm Frei Otto in den Olymp der Baukünstler. Dieser prestigeträchtige und üppig dotierte Preis der Hyatt-Stiftung aus Chicago gilt als Nobel-Preis der Architektur. Böhm hat Dutzende von katholischen Kirchen im Rhein- und Saarland gebaut und dabei auf die Arbeit seines Architekten-Vaters Dominikus aufgebaut.

Der berühmteste Entwurf aus dieser frühen Phase ist die ausdrucksstarke Beton-Kirche St. Albert in Saarbrücken. Die kristallinen „Betonfelsen“ der Wallfahrtskirche in Neviges gelten als Böhms wichtigstes Werk. Aber gegen Ende der 60er Jahre ging die Hochphase der Kirchenbauten zu Ende und Böhm wandte sich verstärkt profanen Kultur- und Geschäfts-Gebäuden zu. Das Haus in der Talstraße gehört in diese Zeit.

Es ist auch eines der letzten Werke, die Böhm noch allein entworfen hatte, bevor seine Söhne zunehmend die künstlerische und organisatorische Leitung in seinem Kölner Architekturbüro übernahmen. War zuvor wie bei der St.-Ludwig-Kirche in Saarlouis der nackte, kraftvolle, graue Beton charakteristisch für Böhms Bauten, ging er in den 80er Jahren dazu über den Beton mit Pigmenten einzufärben – in Rot-Tönen natürlich, wie in Italien. Böhm begann auch vermehrt mit Stahl und Glas zu bauen, wie der Wiederaufbau des Saarbrücker Schlosses beweist.

In Köln-Chorweiler entwickelte Böhm erstmals eine Wohnsiedlung, die sich von den modernistischen Massenquartieren abhob: Verschachtelte Wohnungen arrangierte Böhm entlang einer Gasse – in Saarbrücken Talstraße finden sich diese Motive wider. Vier Jahre nach der Fertigstellung des Saarbrücker Wohnhauses lobte die Pritzker-Jury in ihrer Lauatio, dass Böhms Werk „unser Erbe mit dem Neuen kombiniert“. Tatsächlich ist das Gebäude in der Talstraße bautechnisch top-aktuell und zugleich städtebaulich ein Rückgriff in vormoderne Zeiten.

Die Residenz am Schlossgarten von der Talstraße gesehen.       Foto: Marco Kany

Im Jahr der Fertigstellung, 1982, begann in Sichtweite die Wiederherstellung des Saarbrücker Schlosses. Böhm ist für den Entwurf des Mittelbaus verantwortlich, dessen expressive Stahl-Glas-Konstruktion zwischen den beiden Schlossflügel schnell zum baulichen Signet der Landeshauptstadt wurde. Die Stadtmitte in Dudweiler, die Böhm zeitgleich mit der Residenz in Saarbrücken entwarf, lebte ebenfalls von einem Gewirr aus Gassen, Treppen, Terrassen, Lauben und Höfen wie der Bau in der Talstraße. Gedacht als „Gegengewicht zu den Wohnsilos der Satellitenstädte“, die die Neue Heimat damals an den Rändern der deutschen Städte aus dem Boden stampfte, wirken die Wohnzeilen dort heute geradezu niedlich. In Saarbrücken hingegen ist Böhm mit der Residenz am Schlossgarten hingegen ein Beispiel für eine großstädtisches Gebäude gelungen, das dazu beiträgt das Palimpsest der Stadt visuell zu lesen.