Serie Protokoll einer Daheimgebliebenen, Teil 19 Kurdistan – wo die Hilfsbereitschaft wohnt

Der Abstecher in den Nordirak beschert Radler Fabian Theobald erfreuliche Erlebnisse. Seine Freundin Judith Rachel berichtet darüber.

 Die Mitfahrgelegenheit nach Erbil, Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan,  sollte bald gefunden sein.

Die Mitfahrgelegenheit nach Erbil, Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan,  sollte bald gefunden sein.

Foto: Fabian Theobald

Hätte Theo von Anfang an vorgehabt, einen Abstecher in den Nordirak zu machen, ich hätte vermutlich in den letzten vier Monaten nicht so gut geschlafen. Obwohl er aber mittlerweile die Grenze zur Autonomen Region Kurdistan überquert hat, bin ich einigermaßen gelassen.

Ich konnte mitverfolgen, wie Theos Entscheidung, die geplante Reiseroute zu verlassen, über viele Wochen gereift ist: Von seinen ersten Kontakten unterwegs zu Menschen, die sich in der Region auskennen, über intensive Internetrecherchen, bis hin zu Überlegungen bezüglich der Vorsichtsmaßnahmen (z.B. angepasste Kleidung, Registrierung bei ELEFAND, dem System des Auswärtigen Amtes für Reisende, Reduzieren von Social-Media-Aktivitäten). 

Nachdem sich herauskristallisiert hatte, dass er sich gar nicht beeilen muss, das Pamirgebirge vor Ende des Sommers zu erreichen, weil er China derzeit ohnehin nicht bereisen kann, hat Theo beschlossen: „Den Nordirak nehme ich mit.“

Kurdistan ist ein autonomes Gebiet des Irak, mit eigener Polizei, eigenen Militäreinheiten, den Peschmerga, sowie einem demokratisch gewählten Mehrparteienparlament mit Frauenquote.

Neben Kurden, von denen viele dem Islam angehören, leben in der Autonomen Region Kurdistan verschiedene Ethnien und Religionen, weitgehend frei und friedlich nebeneinander. Ja, die Atmosphäre sei sehr multikulturell und angenehm, bestätigt Theo als er in Zaxo, der ersten Stadt hinter der Grenze, angekommen ist.

Manches ist aber gewöhnungsbedürftig: „Jetzt ist gerade wieder der Strom ausgefallen. Gleich springt der Ersatzgenerator an. Aber das Internet funktioniert noch“, schreibt Theo mir aus einem Hotel in Dohuk, der nächsten Etappe. Dass jedoch auch die Internetverbindung nicht ganz stabil ist, merke ich, als wir versuchen, über einen Online-Dienst miteinander zu sprechen. Unsere Sätze kommen so verzögert beim jeweils anderen an, dass ein richtiges Gespräch unmöglich ist. „Fühlst du dich sicher?“, frage ich am nächsten Tag dann per Messenger. „Es fühlt sich sicher an, ist einfach nur kein Land für Radreisen“, antwortet er mir. Der Grund: Auf den meisten großen Straßen ist zu viel Verkehr, die Nebenstraßen sollte man jedoch meiden, dort könnten noch Landminen liegen.

Theo schickt mir ein Foto von seinem Fahrrad auf einem glänzend-roten Pick-up und schreibt dazu, wie es entstanden ist:  Als er an einem Mini-Markt gerastet und versucht hat, von dort per Anhalter weiter zu kommen, luden die Leute im Laden ihn erst zum Mittagessen ein und beschwatzten einen Kunden, ihn mit dem Pick-up in die Hauptstadt Erbil zu bringen. „Preis ausgehandelt, und ich wurde hervorragend betreut und regelmäßig mit Getränken versorgt“, berichtet Theo. In der Hauptstadt wollte er drei Tage bleiben und mit dem Bus zurück in die Türkei fahren, um sein Iran-Visum abzuholen. Mittlerweile hat er einen Weg gefunden, es direkt im Konsulat in Erbil zu erhalten. Wegen der höchsten islamischen Feiertage, des viertägigen Opferfestes, dauert das ein paar Tage.

Danach, das zeichnet sich schon ab, wird Theo von wundervollen und verrückten Begegnungen und Erlebnissen berichten können, mit denen er die Wartezeit ausfüllt. Wenn das Internet es zulässt.