Kleiner Wolkenkratzer ohne Männer

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Nachkriegsmoderne in der Region – Teil 7 : Kleiner Wolkenkratzer ohne Männer

Das Frauen- wohnheim in der Saarbrücker Koßmannstraße hatte in den 1950er Jahren große soziale Bedeutung. Eine architektonische Besonderheit war es zudem.

Was hat man sich nicht alles einfallen lassen, um dieses Gebäude zu beschreiben: „Nonnenbunker“, auch „Drachenburg“ hieß es zu seiner Zeit. Das war abfällig gemeint, denn alleinstehende Frauen hatten nur eine geringe gesellschaftliche Bedeutung. Sie standen sozusagen ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter. Eher heiter war dagegen die spätere Bezeichnung für das Frauenwohnheim: „Kleiner Wolkenkratzer ohne Männer“. Die architektonische Besonderheit der 1950er Jahre, die die saarländische Wohnungsgesellschaft (WOGE), vor zwei Jahren renoviert hat, ist eng verknüpft mit dem Namen Hedwig Behrens. Sie war die erste Frauenbeauftragte des Saarlandes (1951 bis 1955). Und sie hatte die Idee, Wohnraum für ledige Frauen zu schaffen.

Die Kunsthistorikerin Miriam Bilke-Perkams hat das Gebäude für das Kunstlexikon Saar beschrieben, das vom Institut für aktuelle Kunst in Saarlouis herausgebracht wird. Sie ist sich sicher, dass die wenigsten Saarbrücker die Bedeutung des Gebäudes kennen. Die steckt für sie mehr noch als in der durchaus bedeutenden Architektur im sozialen Kontext. Durch Zufall, sagt sie, habe sie während der Arbeit an der Broschüre eine alte Dame getroffen, die einst in dem Haus wohnte. Die erzählte ihr, sie habe damals dort Zuflucht gefunden. Als alleinstehende Akademikerin wollte ihr niemand eine Wohnung vermieten. Und so nahm Miriam Bilke-Perkams das Gebäude dann auch als Politikum wahr. Durch das Gespräch mit einer weiteren alten Dame konnte sie sich in die damalige Zeit zurückversetzen: Frauen durften alleine keinen Vertrag unterzeichnen. Wegen der Sittengesetze geriet die Hausordnung besonders streng; Behrens achtete genau darauf.

Miriam Bilke-Perkams hat das Gebäude für das Kunstlexikon Saar beschrieben. Foto: Robby Lorenz

Das Haus, das der Architekt Hans Hirmer entworfen hatte, war zweckmäßig. Da die Wohnungen klein waren, gab es auf den breiten Fluren Einbauschränke. Die sind heute verschwunden. Die Wohnungen sind noch immer recht klein, in den Fluren hingegen könnte man rauschende Feste veranstalten. Dagegen spricht aber die heutige Hausordnung, wenngleich sie nicht so streng ist wie die frühere. Die enthielt etwa noch ein striktes Verbot von Männerbesuchen.

Die Größe der Flure brachte den Planern viel Kritik ein. Monika Zander-Philipp, eine ehemalige Bewohnerin: „Typisch Mann – großer Flur und kleine Wohnungen. Hätten die bei der Planung mal eine Frau dazu genommen.“

Wenn man mit dem Aufzug ganz nach oben fährt, wartet eine große Dachterrasse auf ihre Entdeckung. Sie wurde angelegt, damit auch die Frauen aus Wohnungen ohne Balkon sich im Freien aufhalten konnten. Alles sehr zweckmäßig in dem Haus, das damals in der geplanten Gartenstadt am Rande eines Villenviertels errichtet wurde. Heute steht es am Rande eines Gewerbegebietes.

Zweckmäßig ist es noch immer. Und es hat eine architektonische Besonderheit: auffallend die Verglasung der Flure, das Rautenmuster der Treppengeländer und die ein oder andere Fliese, die auch nach der Modernisierung des Hauses noch an den Wänden zu sehen ist. Kunst am Bau, die sich erhalten hat.

Ursprünglich war mal ein zweites Gebäude vorgesehen. ein quasi identischer Bau mit 59 Einzimmer-Wohnungen sollte in der Oberonstraße errichtet werden; es blieb beim Plan. Ursprünglich hieß es mal, man beginnt mit dem Bau des zweiten Hauses erst, wenn es sich zeigt, dass sich die Bewohnerinnen des ersten Hauses richtig benehmen. So zitiert Kunsthistorikerin Bilke-Perkamps aus einem Brief von Hedwig Behrens an Ministerpräsident Johannes Hoffmann. Daran wird es aber am Ende nicht gelegen haben, dass es bei den 54 Wohnungen in der heutigen Koßmannstraße blieb.

Das Haus war eben nicht nur ein „Architekturexperiment der Nachkriegszeit“ wie das Saarbrücker Architekturbüro „urbanlabor“ es mal bezeichnete, sondern auch ein soziales Experiment. Geblieben ist es als Beispiel für die 1950er-Jahre Architektur. Die gehobene, ist zu ergänzen: Briefkästen, Aufzug, Zentralheizung waren damals etwas Besonderes. Anfangs waren fast alle Wohnungen immer belegt. Vor zwei Jahren dann die dringend nötige Renovierung. Jetzt ist das Haus wieder gut bewohnbar. Kaum einer der Männer und Frauen, die hier leben, wird allerdings wissen, dass sich seine Wohnung im einstigen Frauenwohnheim Saarbrückens befindet.

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Alle bisherigen Teile der Serie:
Teil 1: St. Albert, Saarbrücken
Teil 2: St. Hildegard, Sulzbach-Neuweiler
Teil 3: Mügelsbergschule, Saarbrücken
Teil 4: St. Ludwig, Saarlouis
Teil 5: St. Maximin, Boust
Teil 6: Rentenversicherung, Saarbrücken

Hier geht es zur Bilderstrecke: Serie Nachkriegsmoderne: Das Frauenwohnheim in Saarbrücken