100 Jahre Barmherzige Brüder Rilchingen Romy Schneider lebt hier ohne Barrieren

Rilchingen-Hanweiler · Bei den Barmherzigen Brüdern meistern Menschen mit Handicaps ihren Alltag. Selbstbestimmt, aber nicht allein. Seit 100 Jahren.

 Romy Schneider wohnt im Haus St. Kamillus. Mitarbeiterin Carina Hack ist da, sobald die 29-Jährige Hilfe braucht.

Romy Schneider wohnt im Haus St. Kamillus. Mitarbeiterin Carina Hack ist da, sobald die 29-Jährige Hilfe braucht.

Foto: Iris Maria Maurer

Die Sommersonne lässt das Grün auf dem Gelände der Barmherzigen Brüder in vielen Nuancen leuchten. Der meiste Lärm von der B 51 versickert rechtzeitig vor dem Idyll. Es ist also ruhig hier am Rande von Rilchingen-Hanweiler. Noch. Denn Menschen, die dort arbeiten, werden das ändern. In ein paar Tagen schon.

Dann soll ein großes Fest das Gelände prägen. Reden, Gesprächsrunden, Zeremonien und Musik stehen auf dem Plan (siehe Info). An jedem Tag, mit dem der 27. August näher rückt, werden die Vorbereitungen an der Peter-Friedhofen-Straße mehr Raum erobern. Kein Wunder, wenn so viele mitfeiern. Vom Weihbischof bis zum Hausbewohner. Vom Gast aus Hanweiler bis zur Sozialministerin. Der Anlass: 100 Jahre Barmherzige Brüder Rilchingen. Und doch geht hier, bei einem der größten Arbeitgeber an der Oberen Saar, der Alltag weiter.

Zum Beispiel im Haus St. Kamillus. Im Erdgeschoss reihen sich kleine Welten aneinander, Zimmer mit Schlaf- und Wohnecke plus Bad als liebevoll gestaltete Rückzugsräume.

Hinter der Tür mit dem Schalke-Logo beginnt das Zuhause von Romy Schneider, einer hübschen 29-Jährigen. An diesem Freitagmorgen hat sie frei. Sonst arbeitet sie um diese Zeit auf den Burbacher Saarterrassen. Am dortigen Standort der Reha gGmbH ist Romy Schneider beschäftigt.

Es bedeutet ihr viel, sich im Berufsleben zu behaupten. Trotz ihres Handicaps und des Lebens im Rollstuhl, das sie von klein auf meistern muss. Schneider hat Freude am Leben mit Tieren und am Sport. Regelmäßiges therapeutisches Reiten im Bliesgau hält sie fit. Auch für den Job, den sie so mag.

Weltfirmen gehören zum Kundenstamm ihres Arbeitgebers. Von 8 bis 16 Uhr macht Romy Schneider Werbeartikel versandbereit, zum Beispiel Tassen von Villeroy & Boch, oder sie fertigt Verpackungen für die Getränkeindustrie. Und nach Feierabend? „Da sehe ich fern.“ Oder sie schmökert sich durch Harry Potters Abenteuer. Oder sie genießt den Park, in den sich alte wie neue Bauten einfügen. „Die Landschaft hier gefällt mir sehr.“ Wenn sie genug von der Ruhe hat, fährt sie mit der Saarbahn nach Saarbrücken, oder sie tanzt sich bei der Come-together-Disko in Gesellschaft von Menschen mit und ohne Behinderung den Alltag von der Seele. Und bei den Boule-Turnieren auf der hauseigenen Anlage macht Romy Schneider eine gute Figur.

Fast immer an ihrer Seite: Heilerziehungspflegerin Carina Hack, eine Mitarbeiterin der Barmherzigen Brüder. Denn Romy Schneider kann sich ja nicht alle Barrieren selbst aus dem Weg räumen. 24 Stunden am Tag muss jemand da sein, falls Hilfe nötig ist. Deswegen lebt Schneider in Rilchingen. Und weil sie sich ernst genommen fühlt. „Wir sehen hier den Menschen an sich und nicht die Behinderung“, sagt Carina Hack. Genau das gefällt Romy Schneider.

Hacks Vorgesetzer und Abteilungsleiter des Hauses St. Kamillus, Elmar Martini, empfindet die Arbeit für Menschen mit Handicaps als idealen Beruf. Fast zwei Jahrzehnte ist er schon bei den Barmherzigen Brüdern beschäftigt. „Wir lernen voneinander und ermöglichen, dass jemand so leben kann, wie er sich das vorstellt.“ Martini und Hack stehen in einer großen Tradition, begründet vor 100 Jahren.

Alfred Klopries, Leiter der Einrichtungen in Rilchingen-Hanweiler, hat Hochachtung für die Barmherzigen Brüder, die im Hunger-, Not- und Weltkriegsjahr 1917 den Anfang an der Oberen Saar wagten, wo nur noch ein „Spukschloss“ an die erste Kur­ort-Ära im 19. Jahrhundert erinnerte. Landwirtschaft, ein Kinderheim, Kneipp-Therapien mit dem Rilchinger Heilwasser: All das stand am Anfang, gefolgt von der Zeit als Lazarett im Zweiten Weltkrieg, in dem alle Aufbauarbeit der Vorjahrzehnte unterging. Der Weg danach begann wieder mit der Kinderpflege.

Heute ist das Gelände die Heimat von Senioren, psychisch kranken sowie alkoholabhängigen Menschen und von Menschen mit einer Behinderung. Um dieses Kerngeschäft bauten Klopries und sein Team weitere Aktivitäten im Heil- und Gesundheitssektor auf: Außenwohngruppen, einen Pflegedienst und seit gut zwei Jahren die Trägerschaft für das Saarländische Tageszentrum Psychiatrie-Erfahrener (Stape) in St. Johann, Mainzer Straße 30. Alles in allem haben die Barmherzigen Brüder Rilchingen heute 360 Mitarbeiter, die sich um rund 500 Menschen kümmern.

Auf seine Leute ist der Rilchinger Standort-Chef hörbar stolz. Klopries: „Sie können diesen Beruf ja nur gut machen, wenn sie ihn mögen. Viele arbeiten schon seit Jahrzehnten bei uns.“ Er ist außerdem zum Fan des Dorfes geworden.

„Die 100 Jahre sind ein Standortvorteil, weil Menschen uns über eine lange Zeit erlebt und begleitet haben. Deshalb sind sie offen für die Arbeit, die wir hier leisten.“ Und deswegen kommen am 27. August die meisten Jubiläumsgäste aus jenem Ort, aus dem die Barmherzigen Brüder nicht mehr wegzudenken sind: aus Rilchingen-Hanweiler.