Lustige und schlimme Fälle Saarland-Rekordhalter im Streitschlichten

Sitterswald/Rilchingen-Hanweiler · 50 Jahre war Johann Breyer als Schiedsmann in Sitterswald tätig. Aus Erfahrung weiß der 84-Jährige: Bei einem Gläschen Bier oder Wein lässt sich ein Streit am besten schlichten.

 Johann Breyer war 50 Jahre als Schiedsmann im Einsatz – ein Saarland-Rekord!

Johann Breyer war 50 Jahre als Schiedsmann im Einsatz – ein Saarland-Rekord!

Foto: Heiko Lehmann

Entspannt sitzt Johann Breyer bei einem Glas Wein in der Cafeteria bei den Barmherzigen Brüdern in Rilchingen-Hanweiler. Er muss anfangen zu lachen, als er an seinen ersten Fall zurückdenkt. Es war im Jahr 1973, als ein relativ streitsüchtiger Sitterswalder mal wieder eine handfeste Auseinandersetzung hatte. Johann Breyer versuchte, die Angelegenheit mit Vorgeschichte zum Missfallen des Sitterswalders auf gerechte Art und Weise zu schlichten. „Das war der schlimmste Fall, den ich hatte. Ich entging selber nur haarscharf einer handfesten Auseinandersetzung. Jeden Morgen, bevor ich zur Arbeit fuhr, musste ich zuerst gucken, ob die Luft rein war. Ich musste damals auch schon mal die Polizei rufen. Aber letztlich ging alles gut und es kam zu einer Einigung“, sagt Johann Breyer, schüttelt den Kopf und lacht.

Der 84-Jährige wurde in diesem Jahr für seine 50-jährige Tätigkeit als Schiedsmann geehrt. Das hat vor ihm im Saarland noch keiner geschafft. Angefangen hat alles im Jahr 1973, als der damalige Sitterswalder Bürgermeister Hermann Ludt einen Schiedsmann suchte. „Ich war bei den Gutbrod-Werken in Bübingen im Betriebsrat und konnte gut mit Menschen umgehen, Als mich Hermann fragte, habe ich spontan zugesagt. Damals gab es viel mehr Schlägereien im Ort als heute, und es war wichtig, dass Ruhe herrschte“, berichtet Johann Breyer. Er ist gebürtiger Bliesransbacher und der Liebe wegen nach Sitterswald gezogen, wo er 66 Jahre lang lebte. In 50 Jahren als Schiedsmann musste er mehr als 400 Fälle lösen. „Ein Mann besuchte über mehrere Jahre seine Freundin in Sitterswald. Der Nachbar hatte einen Hahn, der jeden Morgen krähte. Als der Mann seine Freundin heiratete und nach Sitterswald zog, beantragte er, dass der Hahn weg solle. Da musste ich einschreiten“, erzählt Johann Breyer. Der Fall war schnell gelöst. „Ich bin zu dem Mann, habe ihm gesagt, dass er den Hahn schon fünf Jahre kennt und dass das so nicht geht und der Hahn definitiv bleibt. Danach war Ruhe“, sagt Breyer.

Er hatte eine unkonventionelle Art, Streit zu schlichten. Die meisten Fälle löste er ohne Gericht oder Anwälte. „Sie glauben gar nicht, wie viele Fälle mit einem Glas Wein oder einem Glas Bier zu lösen sind. Nur konnte ich das damals ja keinem Richter erzählen. Man muss den Leuten zuhören, denn sie wollen ein Problem erzählen. Wenn man danach beide Seiten einlädt, ist die Sache relativ schnell vom Tisch. Im Prinzip braucht man dazu auch keinen Schiedsmann, es genügt eine neutrale dritte Person“, so der 84-Jährige. „Was heutzutage eine Katastrophe ist, sind die Bürokratie und der Papierkram. Früher hatte man einen Streit geschlichtet, und gut war es. Heute muss alles bis ins kleinste Detail dokumentiert werden. Das hat irgendwann keinen Spaß mehr gemacht“, sagt Johann Breyer, der mittlerweile das Kapitel Schiedsmann abgeschlossen hat.

Er hat sich mit seiner Frau Elisabeth eine schöne Wohnung auf dem Gelände der Barmherzigen Brüdern geholt. Die beiden haben vier Kinder, acht Enkelkinder und sechs Urenkel. Bei so einer großen Familie bleibt Streit nicht aus. Wohl dem, der dann einen Opa oder Ur-Opa hat, der Profi im Streitschlichten war.