„Ich habe so viel geweint“

Fremde Menschen suchen bei uns Hilfe und Zuflucht. Es gab aber Zeiten, da waren die Saarländer auf der Flucht. Wurden evakuiert, abtransportiert in für sie unbekannte Gegenden, wo sie oft nicht willkommen waren. Wir haben nun einige der letzten Zeitzeugen gebeten, über ihre Erinnerungen zu berichten.

Es war nicht einfach, Gesprächspartner zu finden, die von der Evakuierung aus dem Saarland während des Zweiten Weltkriegs erzählen wollten. Zu belastend seien die Erinnerungen an die Erlebnisse. Aber für eine Reihe von Zeitzeugen war es doch eine willkommene Gelegenheit, einmal wieder über ihre Kinderzeit zu reden, als die Bevölkerung die Heimat komplett räumen musste, weil der Krieg vor der Tür stand.

Die erste Gesprächsrunde kommt im Seniorenheim "Haus Saarblick" in Kleinblittersdorf zusammen. Als 1939 die Evakuierung begann, waren sie Kinder, acht, zehn, zwölf Jahre alt. Ob man da noch Erinnerungen hat? "Was wir erlebt haben, vergisst man nicht", sagt eine Frau, und die anderen nicken.

Paula Dold zum Beispiel, 1932 in Saarbrücken geboren, schildert den Abtransport - die schrecklichen Fahrten in Güterzügen, ohne Ahnung, wohin man kommt, wie lange man bleiben würde - ein paar Wochen? Ein Jahr? Und die Freunde? Die Großeltern? Würde man die wiedertreffen? Es müssen viele Tränen geflossen sein damals. In Bayern seien sie schließlich gelandet - aber immerhin gut aufgenommen worden, lobt Paula Dold.

Da haben andere schlechtere Erfahrungen gemacht: Paula Monz aus Bischmisheim suchte mit ihrer Familie bei Verwandten in Hessen Hilfe. Aber die wollten sie nicht haben. "Wir haben keinen Platz für Euch" habe die Tante gesagt. Und die Familie zog weiter.

Gisela Hoffmann aus Fechingen, Jahrgang 1930, berichtet von den vollgestopften Bussen, als sie mit ihrer Familie erst nach Köln verfrachtet wurde, dann in den Harz. Dort gab's einen Onkel, und bei dem sind sie ein Jahr geblieben. 1944 ist die Familie dann noch mal geflüchtet, diesmal freiwillig.

Ingeborg Hoffmann, Marianne Schäfer und Maria Schmidt hat es unabhängig voneinander besonders schlimm getroffen: Alle drei waren bei Kriegsausbruch mit einer der so genannten Kinderlandverschickungen, die Kindern Erholung bringen sollten, irgendwo in Deutschland unterwegs. Weit weg von daheim, in verschiedenen Regionen Deutschlands. Jeder Kontakt zu ihren Familien riss ab - die Eltern wurden evakuiert, Zielort unbekannt. Die Kinder wussten über Monate nicht, ob die Eltern überhaupt noch lebten. Und die fanden ihre Kinder nicht mehr, die ihrerseits als vermisst galten. Mithilfe des Roten Kreuzes haben die Familien, die in unterschiedlichen Ecken Deutschlands gestrandet waren, ihre Mädchen wieder gefunden. Das ist fast schon ein Wunder in Zeiten ohne Internet und Handy, und Telefone waren auch Raritäten. Die einzelnen Stationen ihrer ungewollten Deutschlandrundreise kennen die Betroffenen heute nicht mehr, erinnern sich aber sehr wohl noch an das Übernachten in Baracken, auf Stroh, zusammen mit Dutzenden von Leuten. "Ich habe so viel geweint", weiß Maria Schmidt aus Auersmacher, Jahrgang 1927, zwölf Jahre alt damals, noch genau. Ähnlich war es bei Marianne Schäfer. Die fand dann Unterkunft in einem Heim direkt an der polnischen Grenze. "Die Leute waren da gut zu mir, ich war das Flüchtlingskind von der Saar." Aber ein Albtraum ist diese Zeit doch geblieben.

Der einzige Mann in der Runde, Alfred Schulz, erinnert sich zwar an die Evakuierung (erst nach Bayern, dann nach Thüringen), aber er hat das alles nicht so tragisch genommen. Freilich sei das Leben nicht einfach gewesen, zumal sein Vater gefallen war und die Mutter sich mit den Kindern allein durchschlagen musste. "Aber für uns Buben", sagt Schulz "war das alles ein Abenteuer".