Die große Hoffnung auf Arbeit

Vor zehn Jahren noch als Revolution verkauft, gilt das Hartz-IV-Gesetz heute als stark reformbedürftig. Die SZ-Serie „Leben mit Hartz IV“ stellt Saarländer vor, die auf die staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Auersmacher hat 2500 Einwohner und gehört zu Kleinblittersdorf , wo sich Aldi, Lidl , Rewe und Rossmann etabliert haben. Trotzdem wurde 2011 in Auersmacher der Auersmarkt eröffnet. Hier gibt es Lebensmittel, Artikel des täglichen Bedarfs, frisches Brot, Drogerieartikel, auch Getränke. Der Auersmarkt liegt mitten im Dorf. Warum braucht Auersmacher den Auersmarkt, eine Art Tante-Emma-Mini-Supermarkt?

Betreiber vom Auersmarkt ist die Neue Arbeit Saar gGmbH in Saarbrücken, kurz NAS. Die NAS wurde 1977 gegründet, ist eine Einrichtung der Diakonie, Gesellschafter sind die Kirchenkreise Saar-Ost und Saar-West, sie hat 81 Mitarbeiter. Die Zentrale ist in Saarbrücken. NAS-Geschäftsführerin Monika Steffen-Rettenmaier erklärt: "Unsere selbstgestellte Aufgabe ist es Langzeitarbeitslose zu betreuen, zu trainieren und auszubilden, so dass sie wieder eine Chance haben. Das geschieht im Einzelhandel, im Garten- und Landschaftsbau, im Hoch- und Tiefbau. Wir haben 500 Teilnehmer."

Birgit Ecker, Leiterin des Auersmarktes, erzählt: "Ich habe 40 Jahre in verantwortlicher Position im Verkauf gearbeitet. Ich wollte noch etwas Neues machen. Und so habe ich mich für diesen Job beworben." Das war vor drei Jahren. Zurzeit lernen in dem Markt neun arbeitslose Frauen, wie man Waren sortiert und anbietet. Und wie man sie verkauft. Die Frauen leben in der Regel von Hartz IV, haben Kinder, einige sind geschieden und hoffen auf einen festen Job.

Anna Bär (Name geändert) ist 34 Jahre alt, arbeitet seit März im Auersmarkt täglich vier Stunden für einen Euro pro Stunde. Sie erzählt, dass sie als 15-Jährige Mutter wurde, ihr Sohn inzwischen 19 Jahre alt ist, bei der Oma lebt, Maschinenschlosser-Lehrling ist und sie seit 2001 geschieden ist. Dann hatte sie eine neue Beziehung, "die leider auch nicht hielt. Aus der habe ich zwei weitere Söhne. Die sind acht und neun Jahre alt." Sie hat in der Gastronomie gearbeitet, zuletzt als Leiterin eines Schnellrestaurants. Den Job musste sie aufgeben: "Meine Söhne sind Problemkinder", sagt sie. Ihr ältester Sohn leidet an ADHS, einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Sein jüngerer Bruder ist auch in ärztlicher Behandlung. "Für mich hatte ich nie Zeit. Immer war was mit den Kindern. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch, bin seit zwei Jahren in psychologischer Behandlung. Ich habe oft geheult, weil ich nicht mehr weiter wusste. Ich könnte einen Job machen im Verkauf. Ich muss abends zu Hause sein. Vielleicht habe ich jetzt eine Chance", sagt Anna Bär. Eine ihrer Kolleginnen ist Thailänderin (36), kam 1998 nach Deutschland und lernte einen Mechaniker kennen: "Es war eine Vernunftehe. Ich wollte in Deutschland bleiben." Sie arbeitete in einem Nagelstudio, dann in einem Massagesalon, hat einen Sohn (12). Sie lebt von Hartz IV, erhält 391 Euro . Hinzu kommen die Unterhaltszahlungen vom Vater, 245 Euro und 168 Euro Kindergeld. Zusammen sind das 804 Euro . Sie spricht holprig Deutsch, sagt: "Wenn nicht klappt Verkauf, gehen ich zurück nach Thailand." Ihre Kolleginnen haben aufgeräumt, Waren sortiert, Kaffee getrunken. Birgit Ecker: "Heute ist kein Tag, an dem sich die Kunden drängeln." Und wie geht es weiter? "Es kommen immer neue Frauen, viele sind fix und fertig. Nach einem halben Jahr Ausbildung bekommen sie ein Zeugnis. Dann haben sie eine Chance - wenigstens theoretisch."

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HintergrundFast jeder vierte Saarländer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren ist arm oder von Armut bedroht. Das geht laut der Fraktion Die Linke aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage von Heinz Bierbaum, parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Landtag, hervor. Jugendliche Arbeitslose müssten zudem mit wenig Geld auskommen. Der Regelbedarf liege für 15- bis 17-Jährige derzeit bei 296 Euro , für 18- bis 24-Jährige bei 313 Euro . Tatsächlich werde weit weniger ausgezahlt. Saarländer zwischen 15 und 17 Jahren erhielten im Schnitt 58 Euro im Monat, 18- bis 24-Jährige 212 Euro . Bierbaum: "Wir müssen dieses Hartz-System überwinden. Es muss eine faire Bezahlung Jugendlicher auch während der Ausbildung geben." red