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Kampagne des Nabu "Vogel des Jahres" zeigt Wirkung im Saarland

Amsel, Drossel, Fink und Star : So erging es den Vögeln des Jahres im Saarland

Die Auszeichnung „Vogel des Jahres“ gibt es seit 50 Jahren. 2021 hat erstmals die Bevölkerung abgestimmt. Die Wahl fiel auf das Rotkehlchen. Doch was bringt den Federtieren der Titel überhaupt? Die SZ hat Saar-Ornithologen zu den ausgezeichneten Vögel der letzten zehn Jahre befragt und festgestellt, dass die Kampagne häufig Wirkung zeigte.

Niemals zuvor erlebte die einheimische Vogelwelt eine so große Aufmerksamkeit wie in den vergangenen Monaten. Die „Vogel des Jahres“-Wahl beschäftigte nicht nur Natur- und Tierschützer, sondern trieb auch die Kulturszene um. In den sozialen Medien fanden sich Gruppen zusammen, die aktiv die Werbetrommel für den Favoriten-Vogel rührten. Zum 50-jährigen Jubiläum der Kampgane „Vogel des Jahres“ hatte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) nämlich angekündigt, das Federtier diesmal nicht wie gewohnt von einem übergeordneten Gremium des Nabu bestimmen, sondern von der Bevölkerung wählen zu lassen. Das sollte ein ganz neues Bewusstsein für die zum Teil bedrohten Vogelarten schaffen, so der Nabu. 455 000 Menschen deutschlandweit stimmten ab.

Gesteigertes Interesse registrieren auch die Vogelkundler im Saarland. Die Ankündigung den „Vogel des Jahres“ erstmals selbst mitbestimmen zu können „hat einen richtigen Boom ausgelöst“, sagt etwa Christoph Braunberger vom Ornithologischen Beobachterring Saar (OBS). Der eingetragene Verein mit rund 150 Mitgliedern, darunter zahlreiche Vogel-Experten, sammelt Daten über die hiesige Vogelwelt und stellt sie dem Umweltministerium zur Verfügung. Für Braunberger und auch Karl-Rudi Reiter, den stellvertretenden Landesvorsitzenden des Nabu-Saar, ist der Vogel des Jahres mehr als eine Auszeichnung für ein besonderes Federtier. Jeder Jahresvogel mache als Botschafter auf ein drängendes Problem im Naturschutz aufmerksam. Auch im Saarland. Gemeinsam blicken Braunberger und Reiter in der SZ auf die Vögel des Jahres der vergangenen zehn Jahre zurück. Was macht sie aus? Wo lassen sie sich aufspüren und was hat sich seit der Kampagne für sie verändert?

2011 ernannte der Bund-Länder-Rat des Nabu den Gartenrotschwanz zum Vogel des Jahres. Einen Insektenfresser und Liebhaber von Streuobstwiesen. „Im Saarland kann man den Gartenrotschwanz recht häufig antreffen“, sagt Karl-Rudi Reiter. Schwerpunktgebiete sind Blies- und Saargau. Auch innerhalb großer Städte kommt er vor. Dennoch zählten Ornithologen nur 2000-5000 Brutpaare des Singvogels.

Jahresvogel 2012 wurde mit der Dohle der kleinste Rabenvogel. Die Dohle ist laut Karl-Rudi Reiter im Saarland nicht gefährdet. Es gibt 1500-3000 Brutpaare. Deutschlandweit gab es aber Gebiete in denen die Dohle seltener geworden ist. Die Kampagne brachte dem cleveren schwarzen Vogel einen Imagegewinn. Lange haftete der Dohle der Ruf an, diebisch zu sein. Die Dohle ist ein „Kulturfolger“, erklärt Karl-Rudi Reiter. Früher nistete sie in Baumhölen – heute eher in Dörfern, zum Beispiel in alten Kirchen. Die Kampagne hätte ein Bewusstsein dafür geschaffen, bei Gebäudesanierungen auf dort lebende Tiere zu achten.

2013 ist ein Vogel gekürt worden, der im Saarland nur als Durchzügler vorkommt. Die Bekassine gab in den 1990er Jahren bereits ihre Brutstätten im Nord- und Ostsaarland auf. Gern gesehener Gast ist der amselgroße Watvogel aber noch am Beeder Bruch oder Dillinger Öko-See, wie Christoph Braunberger vom OBS weiß. Die Bekassine mag keine heißen und trockenen Sommer, weshalb sie aus ganz Süddeutschland verschwunden ist. Ihre Botschaft war 2013, die Feuchtgebiete besser zu schützen. Im Saarland ist das gelungen, wie die Beispiele Homburg-Beeden und Dillingen zeigen.

Auf den anspruchsvollen Watvogel folgte ein Jahr später der deutlich populäre Grünspecht. Bekannt ist der intensive Balzer mit dem roten Kopf wegen seines lauten Lachens, sagt Reiter. Hauptnahrung des 2014er Jahresvogels sind Ameisen. Der Grünspecht suche sie im offenen Gelände und brauche dafür gemähte Wiesen. Daher sei er auch in Parks anzutreffen. Er wohne jedoch in selbstgebauten Höhlen. Weil er kein „Hämmerer“ ist, wie etwa der Buntspecht, brauche er alte Bäume mit weichem Holz. Der Grünspecht war daher Botschafter für den Erhalt alter, nicht so ertragreicher Obstbäume. Das hat in vielen Regionen funktioniert. Seine Population hat im Saarland leicht zugenommen. Mit 1000-2000 Brutpaaren ist er dennoch auf der Vorwarnliste.

2015 war der Habicht Jahresvogel. Erstmals seit vielen Jahren wieder ein Greifvogel. Wegen seiner Vorliebe für Hähnchenfleisch, wird er gerne auch „Hühnerhabicht“ genannt. Und genau das ist sein Problem. „Der Habicht ist die Greifvogelart, die am häufigsten illegal verfolgt wird“, sagt Ornithologe Christoph Braunberger. Hühnerhalter oder Taubenzüchter mögen ihn gar nicht und stellen Schlagfallen für die großen gesprenkelten Lufträuber auf. Sechs solcher Fallen hat der OBS in den letzten zehn Jahren gefunden, doch Braunberger geht davon aus, dass noch deutlich mehr aufgestellt wurden. Im Saarland könnte der Bestand mit 50-100 Brutpaaren höher sein. Immerhin: im Saarbrücker Stadtwald leben noch einige Habichte. „In urbanen Gebieten werden sie nicht so bejagt wie auf den Dörfern“, erklärt Braunberger.

Prächtige Farben trägt der ausgezeichnete Vogel des Jahres 2016. Der Stieglitz gilt als buntester Fink. Doch er hat ein Problem: Seine Lieblingsnahrung – Samen vom Löwenzahn oder Staudengewächsen – mähen die Menschen oft einfach weg. Die Stieglitze verschwänden also vielerorts, weil sie keine Nahrung in der unmittelbaren Umgebung finden, sagt Reiter. Seit der Stieglitz Preisträger ist, habe sich das Bewusstsein für naturnahe Gärten verbessert – auch wenn es ein langsamer Prozess sei. Im Saarland ist der Stieglitz mit 2000-5000 Brutpaaren nicht gefährdet.

Jahresvogel 2017 wurde mit dem Waldkauz die verbreitetste Eulenart in Deutschland. Intention des Nabu war es, den Waldkauz zum Botschafter für naturnahe Waldwirtschaft zu machen. Denn in Monokulturen findet die kleine Eule nicht genug Bruthöhlen. Im Saarland gebe es dank der vielen Mischwälder genug Kauze, sagt Braunberger vom OBS. Trotzdem sei es schwer einen zu finden. Im Frühling könne man bei Waldspaziergängen in der Dämmerung aber sehr deutlich den Balzruf des Waldkauzes hören.

2018 bekam die Auszeichnung ein ehemaliger „Massenvogel“, wie Karl-Rudi Reiter den Star nennt. Die Art sei zwar nach wie vor häufig in Europa, doch die Bestände nähmen seit 20 Jahren kontinuierlich ab, erklärt der Naturschützer. Das hat Gründe: Stare fressen in der Brutzeit viele Insekten, doch davon gibt es in Folge der konventionellen Landwirtschaft aber immer weniger. „Die Daten, wie dramatisch das Insektensterben ist, wurde erst in den letzten Jahren bekannt“, erklärt Reiter. Der Star mache darauf aufmerksam. Schützen könne man den ausgezeichneten Sänger und Nachahmer verschiedenster Töne indem man Nistkästen aufhängt. Denn auch Stare benötigen Baumhöhlen in Wäldern, die sie immer seltener fänden. Im Saarland gibt es 25 000 bis 40 000 Brutpaare.

Die Feldlerche, die 2019 zum Jahresvogel gekürt wurde, steht nun erneut in der engeren Auswahl. Die Feldlerche brauche viel offenes Land. Am liebsten versteckt sie ihre Eier irgendwo auf einem Acker. Konventionelle Landwirtschaft hat sie zurückgedrängt – der Zuwachs an Bio-Landwirtschaften komme ihr aber entgegen. Ornithologe Braunberger sagt, die Kampagne rund um die Feldlerche habe sich „bombig ausgewirkt“. Das Saarland sei wegen der vielen Bio-Betriebe mit der deutschlandweit bedrohten Art ganz gut bestückt. Eine der dichtesten Populationen (30 Brutpaare) hat sich am Flughafen Ensheim angesiedelt. Dort gebe es viel offenes Land und mit den Flugzeugen komme sich der amselgroße Vogel nicht ins Gehege, sagt Braunberger.

2020 wurde mit der Turteltaube ein großes Sorgenkind der Ornithologen bestimmt. „Ihr Bestand ist seit 1960 um 80 Prozent eingebrochen“, sagt Reiter. Im Saarland sei sie in einzelnen Regionen deutlich seltener geworden oder komplett verschwunden: Zum Beispiel im Hochwald-Raum. 150-300 Brutpaare könne man noch im Saargau oder an der Merziger Muschelkalkplatte antreffen. Warum ist das so? Zum einen mache der Turteltaube die Klimaveränderung zu schaffen – zum anderen werde sie massiv bejagt. Reiter erklärt, dass die bedrohte Taube über den Winter nach Afrika zieht. Ihre Route verlaufe über das Mittelmeer. Dort habe die Taubenjagd Tradition. Allein in Spanien sind im vergangenen Jahr der Organisation „Birdlife international“ zufolge rund 400 000 Tiere erlegt worden. Hauptsächlich zum Verzehr. Die Turteltaube als Vogel des Jahres mache auf dieses Problem aufmerksam, sagt Reiter. Wirklich etwas verbessert habe sich bisher aber noch nicht.

Bilder und weitere Informationen zu den Jahresvögeln gibt’s in unserer Galerie

Nun standen in diesem Jahr neben dem Rotkehlchen noch zehn weitere Vögel in der Finalrunde zur Wahl. Darunter mit Blaumeise, Rotkehlchen, Amsel, Eisvogel oder Stadttaube auch ungefährdete Arten. Die aber alle sehr wohl Botschafter für ein wichtiges ökologisches Thema sein können, glaubt Reiter. Er und auch die Landesvorsitzende des Nabu-Saar Julia Michaly hatten aber für eine gefährdete Art gestimmt. Der Favorit des Nabu-Saar war die Rauchschwalbe. „Sie steht stellvertretend für die Veränderung des ländlichen Raums“, sagt Reiter. Kleine Ställe als Lebensraum für die Schwalbe würden immer mehr wegfallen. Außerdem könne jeder selbst gut etwas für sie tun: Die Rauchschwalbe braucht Lehm für den Bau ihrer Nester. Wer kleine Lehmpfützen anlegt, helfe dem Vogel enorm. Die Rauchschwalbe wurde am Ende nur Zweiter.

Auch Umweltminister Reinhold Jost (SPD) hatte für die Rauchschwalbe gestimmt. Wie er unserer Zeitung auf Anfrage erzählte, sei das Beobachten der Schwalben auf dem Bauernhof eine seiner „schönsten Kindheitserinnerung“ gewesen. „Die Schwalbe ist untrennbar verbunden mit dem ländlichen Raum, unseren Dörfern und unserer Landwirtschaft“, sagt Jost. Der Mangel an geeigneten Nistmöglichkeiten an Hausfassaden und in Ställen habe leider dazu geführt, dass die Bestände der Rauchschwalbe zurückgegangen sind. Der Umweltminister fordert daher: „Wir müssen ihren Lebensraum schützen, damit auch unsere Kinder die Verkünder des Sommers noch kennenlernen.“

Christoph Braunberger vom OBS hatte in der Endauswahl die Feldlerche favorisiert. Bei der Abstimmung hatte auch der gefährdete Goldregenpfeiffer für Furore gesorgt. Der Schriftsteller Sasa Stanisic hatte über soziale Medien so stark für den Goldregenpfeiffer geworben, dass der Watvogel mit dem edlen Gefieder es noch in die Endauswahl schaffte. Auch im Saarland gibt es Unterstützer die sich „Goldregenpfeiffer-Ultras“ nennen. „Es sollte schon ein Vogel sein, den man überall in Deutschland kennt“, sagt dagegen Braunberger. Der Goldregenpfeiffer ist als Brutvogel aus Deutschland verschwunden, kam aber in Süddeutschland ohnehin nicht vor. 

Auf den neuen Preisträger – das Rotkehlchen – trifft das nicht zu. Es ist ein verbreiteter und bekannter Vogel. Aber auch das Rotkehlchen bringt eine Botschaft mit: „Für mehr Gartenvielfalt“. In Gärten dringt das Rotkehlchen nämlich gerne und häufig vor - allerdings auch nur dann wenn es genug Versteckmöglichkeiten findet. Zum Nestbau braucht der kleine Vogel mit der auffälligen Brust eine Stelle am Boden - die von möglichst vielen Pflanzen geschützt ist. Übrigens: Das Rotkehlchen ist der Vogel, der den Menschen am nächsten kommt. Nicht aber  etwa weil es so unerschrocken ist. Mit der Zeit hat es gelernt, dass dort wo Menschen Gartenarbeit verrichten, reichlich Futter zu finden ist. Und für einenen leckeren Regenwurm im frisch umgegrabenen Gemüsebeet überwindet man schonmal seine Angst.

Hier geht’s zu den Ergebnissen der Vogel des Jahres-Wahl.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das waren die Vögel des Jahres seit 2011