1. Saarland
  2. Saarbrücken

Instagram-Protest sorgt für Buch-Boykott

Buch-Boykott : Protest lässt Buch vom Markt verschwinden

Tanja Block hat im Internet zum Boykott aufgerufen. Hanser Verlag und dtv Verlag nehmen daraufhin ein Werk aus ihrem Sortiment.

Aus einer Arbeit zur Geschlechterforschung an der Saar-Uni ist eine Instagram-Protestaktion entstanden. Sie hatte zur Folge, dass das Buch „Die 24 Gesetze der Verführung“ von Robert Greene in Deutschland nicht mehr vom dtv Verlag und vom Hanser Verlag publiziert wird.

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass das Buch direkt aus dem Verkauf genommen wird. Aber das war natürlich das Wunschziel“, sagt Tanja Block, Initiatorin der Protestbewegung. Das Buch, das von den beiden Verlagen unter den Rubriken „Kulturgeschichte“ und „Ratgeber“ eingeordnet wurde, beinhaltet Blocks Meinung nach eine Anleitung zur Manipulation von Menschen und beschreibt Schritt für Schritt, wie eine emotional schädigende Beziehung aufgebaut werden kann. „Der Inhalt des Buches hat mich fassungslos, aber nicht sprachlos gemacht“, beschreibt die Studentin ihren Aktivismus.

Im Rahmen ihrer Projektarbeit für das Gender-Zertifikat hat die Studentin einen Buchclub gegründet. Unter dem Namen „feministischeslesen“ tauscht sich die 26-Jährige auf Instagram und einem Blog mit Gleichgesinnten aus. Auf diesem Weg ist sie auch auf Greenes Buch gestoßen. Als ihr klar wurde, dass sich hinter dem Inhalt kein Ratgeber zum erfolgreichen Flirten versteckt, wurde sie schnell aktiv. Block beschloss, auf ihrer Instagramseite „feministischeslesen“ über das Buch und ihre Meinung darüber zu informieren. Zu diesem Zeitpunkt, Mitte vergangenen Dezember, folgten 300 Abonnenten der Seite. „Das zeugt vom Unmut, der sich breitgemacht hatte, und wir wurden auf unserer Instagramseite gefragt, ob wir planen, gegen die Verbreitung des Buches vorzugehen. Dabei war ‚feministischeslesen‘ recht unbekannt und ohne große Reichweite“, schildert Block die Entwicklungen.

Mit Hilfe der Story-Funktion der Plattform, mit der Inhalte nur für 24 Stunden angezeigt und von anderen Nutzern geteilt werden können, hat sie Zitate aus dem Buch veröffentlicht und auf die ihrer Meinung nach herrschende Problematik dahinter verwiesen. „Wir wollten an konkreten Beispielen zeigen, warum wir das Buch für toxisch halten“, erklärt Block das Vorgehen.

„Unsere Abonnentinnen und Abonnenten haben wir darum gebeten, die Story auf ihren Seiten zu teilen, damit immer mehr Menschen darauf aufmerksam gemacht werden“, gibt die Initiatorin an. Binnen kürzester Zeit hat sich das Anliegen des Buchclubs durch das Teilen der Story verbreitet. Bekannte Instagramerinnen mit einer hohen Reichweite von mehreren tausend Abonnements, wie Silvi Carlsson und Ines Anioli, haben sich der Protestaktion angeschlossen und über ihre Kanäle ebenfalls zum Boykott des Buches aufgerufen.

„Durch die Story-Funktion bei Instagram war es uns außerdem möglich, die beiden Verlage, bei denen das Buch in der deutschen Fassung erschienen ist, direkt zu verlinken und auf unsere Meinung zu verweisen“, betont Block. Mehrfach haben sie auf diesem Weg die Verlage um eine Stellungnahme gebeten. Nach vier Tagen reagierten der dtv Verlag und der Hanser Verlag mit dem Beschluss, das Buch aus ihrem Angebot zu nehmen. Christina Knecht, Pressesprecherin des Hanser Verlags, sagt: „Zeiten ändern sich. Die gesellschaftliche Debatte zu toxischen Beziehungen und psychischem Missbrauch hat ebenso zugenommen wie die Erforschung dieser Felder. Damit einher geht eine gestiegene Sensibilität – die einen solchen Umgang mit dem Gegenstand schwerer macht. Das geht auch uns so. Wir haben das Buch nun erneut betrachtet, in beiden Verlagen diskutiert und werden es nicht weiter verkaufen.“ Der Buchclub, dessen Abonnements auf Instagram innerhalb von vier Tagen von 300 auf 3000 angestiegen waren, betitelt die Reaktion der Verlage als einen vollen Erfolg.

Die Ansicht der Aktivisten teilen jedoch nicht alle. „Wir haben einige Nachrichten bekommen, die sich kritisch gegenüber unserer Meinung zum Buch geäußert haben“, berichtet Block. Sie sagt, dass ihr Protest unter anderem als Meinungsdiktatur bezeichnet wurde.

„Andererseits haben uns auch Menschen ihre persönliche Geschichte geschrieben, die von solch einer wie im Buch beschriebenen Verführung betroffen waren. Das hat uns gezeigt, dass eine Diskussion über das Thema toxische Beziehungen im literarischen Kontext wichtig ist“, positioniert sich die Saarbrückerin. Denn in der Auseinandersetzung mit feministischer Literatur liegt für die Studentin ein wirkungsvoller Motor der Gesellschaft. Sie ist der Meinung, dass Feminismus alle Menschen gleichermaßen betrifft. „Es geht mir dabei um die Befreiung von Stereotypen, um Gleichberechtigung, Antirassismus und den respektvollen Umgang miteinander. Und der meiner Meinung nach erfolgreiche Protest auf Instagram hat mir gezeigt, dass jeder etwas bewegen kann“, fasst die Aktivistin zusammen.