Im Saarland können Frauen in Saarbrücken und bald auch Homburg Muttermilch spenden

Klinikum Saarbrücken : Mit Milch-Spenden Frühgeborenen helfen

Homburg bekommt eine, Saarbrücken hat sie schon: eine Muttermilchbank. Eine Stillberaterin erklärt das Vorgehen.

Stillen, ja oder nein? Jede Schwangere muss sich  diese Frage irgendwann gefallen lassen. Manchen Frauen wird die Wahl jedoch von der Natur abgenommen oder sie entscheiden sich aus persönlichen Gründen dagegen. Immer mehr Kliniken möchten daher „Frauenmilchbänke“ einrichten – so auch das Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg, wo vergangene Woche eine Fachtagung zum Thema Stillen stattfand.

Frauenmilch? So nennt man Muttermilch, die nicht von der Mutter, sondern eben einer Spenderin stammt. Professor Michael Zemlin, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie, erklärt die Vorteile: „Muttermilch ist die beste Ernährung für alle Neugeborenen, einschließlich Frühgeborene. Die Ernährung mit Muttermilch senkt das Risiko für Infektionen und vermutlich auch das Risiko für Allergien und andere immunologische Erkrankungen.“

Muttermilch ist im gefrorenen Zustand monatelang haltbar. In der Milchbank in Homburg soll zu Beginn einen Umfang von 50 bis 100 Litern pro Jahr erreicht werden. Kosten pro Liter: rund 60 Euro. Langfristig soll das Versorgungsgebiet ausgeweitet werden. „Wir haben bereits eine Anfrage aus einer Klinik in Rheinland-Pfalz,“ so Zemlin. Im Nachbarbundesland gibt es laut Berichten der Deutschen Presseagentur noch überhaupt keine Milchbank. Bis es in Homburg so weit ist, dauert es aber noch einige Monate.

Im Klinikum Saarbrücken kann schon seit 2017 Milch für Frühchen gespendet werden. Eva Vogelgesang, eine von fünf Stillberaterinnen in der Kinderintensivstation auf dem Winterberg, erklärt das genaue Vorgehen: „Wir schauen uns auf der Station um: Haben wir eine Mutter, die so viel Milch hat, dass es noch für ein anderes Kind reichen würde? Haben wir ein anders Kind, dessen Mama keine eigene Milch produziert? Falls ja – und nur, wenn alle einverstanden sind – kommt es zur Milchspende.“

Dabei komme aber längst nicht jede Milch für alle Kinder in Frage. Zwar sei die Milch einer fremden Frau immer noch um ein vielfaches besser als Kuhmilch. Am besten sei aber immer die Milch der eigenen Mutter: Laut Vogelgesang passt diese „für das Kind wie der Schlüssel ins Schloss.“ Sprich: Sie enthält exakt die Stoffe, die das Baby für seine jeweilige Entwicklung braucht. Deshalb bekommen Frühchen auf der Station auch nur die Milch der Mutter eines anderen Frühgeborenen: Diese sei eiweißreicher, was für die Gehirnentwicklung essentiell ist.

Stillen ist nach einer Frühgeburt schwieriger, aber nur wenige Frauen (ein bis 4 Prozent) sind rein körperlich überhaupt nicht in der Lage, zu stillen. Daneben spielt allerdings auch die Psyche eine riesige Rolle. Vogelgesang berichtet von tragischen Fällen: „Wenn ein Kind zu früh auf die Welt kommt, sind die Frauen in ihrer Gesundheit oft angegriffen und haben deshalb einen schwierigen Start. Dazu kommt die Sorge um das Kind. Allein dieser Stress führt oft dazu, dass sie zu wenig Milch haben, selbst wenn sie verzweifelt stillen möchten und es ihr größter Wunsch ist.“ Passen die Umstände, spricht aber grundsätzlich nichts dagegen, dass eine Mutter mit ihrer Milch zusätzlich noch ein fremdes Kind ernährt. Die Stillberaterin betont aber: „Wir nehmen nur Milch, die wirklich übrig ist – das eigene Kind geht immer vor!“ Deshalb sei es aus ethischen Gründen auch nicht möglich, den Müttern eine Aufwandsentschädigung zu zahlen – sonst könnte sich eine Mutter in finanzieller Notlage gezwungen sehen, mehr Milch zu verkaufen, als sie eigentlich entbehren kann.

Bisher hätte in Saarbrücken aber noch keine Mutter mit genügend Milch eine Spende abgelehnt. Dabei gelten die selben strengen Kriterien wie für Blutspender. Eine Lagerung der Milch ist auf dem Winterberg bisher aber nicht möglich. Auch sei nicht durchgängig genug Muttermilch da, weshalb eine Auswahl getroffen werden muss: „Wir können nur Frühchen versorgen – und zwar entweder sehr kleine oder sehr kranke.“

Die Idee der Milchspende ist nicht neu: Ammen, die neben ihren eigenen Kindern auch fremde stillen, werden sogar schon in der Bibel erwähnt. Bis weit in die Neuzeit reichten hohe Damen ihre Neugeborenen an Ammen weiter, weil Stillen als nicht standesgemäß galt. Auch heute noch hat Muttermilch so etwas wie ein Imageproblem: Stillen in der Öffentlichkeit gilt einigen als Tabu, manche ekeln sich gar davor. Ähnliches beobachte auch Vogelgesang immer wieder. Vielen sei gar nicht klar, dass die Wissenschaft entgegen den Versprechungen der Werbeindustrie nicht mal ansatzweise in der Lage sei, ein Baby-Nahrungsmittel herzustellen, welches an Muttermilch heran reicht. Sie wünscht sich ein Umdenken. Dabei kann die Einrichtung von Frauenmilchbänken laut Professor Zemlin sogar helfen: „Für uns war es eine wichtige Erkenntnis, dass an solchen Kliniken die Stillrate zunimmt.“

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