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Fußball-WM in Russland
„Ich habe bis zur letzten Sekunde gehofft“

Denise Hecktor verfolgt die WM-Spiele im eigenen Garten mit ihrer Familie. Dass Deutschland ausgeschieden ist, bedauert sie sehr.
Denise Hecktor verfolgt die WM-Spiele im eigenen Garten mit ihrer Familie. Dass Deutschland ausgeschieden ist, bedauert sie sehr. FOTO: Jana Bohlmann
dudweiler. Die Engländerin Denise Hecktor ist enttäuscht, dass Deutschland bei der WM ausgeschieden ist. Jetzt aber freut sie sich, ihr Heimatland anzufeuern. Von Jana Bohlmann

Die Küche ist klein, aber praktisch. Das waren die ersten deutschen Worte, die die Engländerin Denise Hecktor gelernt hat. „Damit konnte ich im Saarland aber nichts anfangen“, erinnert sich die 66-Jährige – und lacht. Auf Saarländisch hört sich genau dieser eine Satz nämlich ganz anders an, sagt sie. „Ich habe auch mal jemanden aus Tholey kennengelernt und überhaupt nichts verstanden. Das war wie eine andere Sprache“, sagt Denise Hecktor, die aus Englands zweitgrößter Stadt Birmingham stammt.


Dass sie irgendwann mal in einem anderen Land leben würde, hätte die Engländerin nie gedacht. Den Drang, ihre Heimat zu verlassen und das Abenteuer im Ausland zu suchen, hatte sie nie. Nur einer Freundin zu liebe hat sie sich mit Anfang 20 bei der Nato beworben. „Mir war das gar nicht so wichtig. Meine Freundin hat mich gefragt, ob wir gemeinsam nach London fahren wollen, um uns zu bewerben“, erzählt Denise Hecktor: „Sie wollte unbedingt diesen einen Job in Belgien bekommen.“ Doch die Freundin der Engländerin bekam eine Absage und Denise Hecktor eine Zusage. „Das war erst mal ein riesiger Schock für mich, ich wollte schließlich nie weg, aber dann dachte ich, dass ich es versuchen sollte.“

Und diese eine Entscheidung war eine gute. Bei der Nato in Belgien war Denise Hecktor als Sekretärin tätig und verliebte sich dort in ihren jetzigen Mann, einen Saarländer. „Es war wirklich purer Zufall, dass wir im Saarland gelandet sind“, sagt die Engländerin. „Mein Mann wurde hierher versetzt. Ich wäre zwar auch gerne wieder zurück nach England gegangen, aber mein Mann war schließlich hier“, begründet die Rentnerin ihre Entscheidung, Dudweiler zu ihrem Zuhause zu machen. Zufrieden ist sie in dem Saarbrücker Stadtteil. Hier hat sie sich viel aufgebaut, Freunde gefunden, eine Familie gegründet und das Saarland, den Fußball und den Karneval lieben gelernt.



„Meine ganze Familie ist fußballverrückt“, erzählt Denise Hecktor, die mit ihrem Mann fast jeden Sonntag auf dem Fußballplatz verbringt. Dort feuerten sie vor vielen Jahren ihre Kinder an und jetzt auch die Enkelkinder. Und auch die WM verfolgt die fußballvernarrte Familie eifrig. Und das am liebsten zusammen im eigenen Garten. „Ich war schon sehr enttäuscht, dass Deutschland rausgeflogen ist. Ich habe bis zur letzten Sekunde gehofft, dass sie es doch noch irgendwie retten können“, sagt die Engländerin, die der deutschen Nationalelf einen Sieg gewünscht hätte. „Natürlich war ich für Deutschland, aber tief im Herzen bin ich auch für England“, erzählt sie weiter. Probleme gäbe es nur, wenn Deutschland gegen England spielen müsse. „Da bin ich im Zwiespalt, welcher Mannschaft ich eher beihalten soll.“

Nach dem WM-Aus von Titelverteidiger Deutschland nach der 0:2-Niederlage am Mittwoch gegen Südkorea sieht Denise Hecktor nun das Positive: Jetzt kann sie endlich Vollgas für England geben und nur noch ihre Heimat anfeuern. Sie hofft, dass sie so weit wie möglich kommen, glaubt aber nicht an einen WM-Titel für die Engländer.

Nach mehr als 40 Jahren in Deutschland denkt Denise Hecktor nicht an eine Rückkehr nach England. „Meine Familie in England sagt immer, dass ich schon deutscher bin als mein Mann. Für mich muss immer alles gut organisiert und geregelt sein. Mein Mann ist da viel entspannter“, erzählt sie. Doch dann fällt ihr doch noch etwas ein, was sie vermisst: Fish & Chips, Cheddar-Käse und Bacon. Aber dafür hat die 66-Jährige eine Lösung gefunden: „Wenn wir nach England fahren, fahren wir immer mit dem Auto und packen es auf der Rückfahrt richtig voll. Da kommt dann alles mit, was ich hier nicht habe.“ Und mit den englischen Köstlichkeiten ist das Heimweh gar nicht mehr so groß.