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Porträt Vera Hewener
„Ich bin froh, frei zu sein in dem, was ich tue“

Die Dichterin Vera Hewener bei einer ihrer Lesungen, hier im Forstgarten in Karlsbrunn.
Die Dichterin Vera Hewener bei einer ihrer Lesungen, hier im Forstgarten in Karlsbrunn. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Die Dichterin Vera Hewener ist Wilhelm-Busch-Preisträgerin und hat gerade ein neues Buch fertig. Von Anja Kernig

„Dieser Preis hat mich ganz besonders gefreut“, sagt Vera Hewener in ihrer eher leisen, zurückhaltenden Art. Gerade hat sie den Wilhelm-Busch-Preis des Europäischen Zentrums für die Förderung von Kunst und Literatur bekommen. Dazu muss man wissen, dass die gebürtige Saarwellingerin, die mit ihrer Familie in Püttlingen lebt, bereits mehr als ein Dutzend Auszeichnungen ihr eigen nennt.


Viel Aufmerksamkeit generierte ihr 2. Preis beim Internationalen Literaturwettbewerb Lev Tolstoj in Luco dei Marsi für einen Text aus ihrem Buch „Vermisstenanzeige“ über die Aussöhnung des Christentums mit dem Islam, den sie vor den Anschlägen in New York geschrieben hatte.

Das Buch selbst wurde 2001 vom Centro Europeo di Cultura in Rom mit dem Literaturpreis „Superpremio Cultura Lombarda“ ausgezeichnet. Regelmäßig veröffentlicht sie in internationalen Anthologien und Zeitschriften für Kunst und Literatur. In einigen Bundesländern gehören Hewener-Gedichte sogar zum Lehrplan an Grundschulen.

Doch diesmal ging es nicht um „sehr ernste Literatur“ oder Naturlyrik. Beworben hatte sich die Autorin mit drei Gedichten in der Sparte Humor: „Der Dackel“, „Wahre Freundschaft“ und „Ach Lichtgeschoss“, alle aus ihrem Werk „Aus meinem Federkiel. Magische Momente“.

Offensichtlich steckt auch ein Schalk in Hewener, einer, der mit heiterer Leichtigkeit Reime und Silben sammelt, bündelt und wieder streut, der Pointen nicht scheut und es auch mal schätzt, den direkten Weg in die Herzen einschlagen zu können. Und der sich daran weidet, wenn Mundwinkel reflexartig nach oben gehen.



„Manche sagen, diese Lyrik wäre kindisch.“ Das sah die Jury in Thionville/Frankreich völlig anders und belohnte ihren Mut zur poetischen Leichtigkeit. Wenn man so will, ging der Wilhelm-Busch-Preis an die andere, bis vor kurzem noch unbekannte Vera Hewener.

Ja, sie mag die Bildergeschichten Wilhelm Buschs, „hin und wieder stöbere ich darin“. Auf Anhieb fällt ihr „Der Narr“ ein, fast zeitlose Lyrik. Kein Wunder: „Das Allzumenschliche bleibt, egal, wie digitalisiert wir sind.“

Anders als Busch vor 150 Jahren ist Hewener wirtschaftlich nicht auf Erlöse aus ihrer Kunst angewiesen. „Ich kenne kaum jemanden im Saarland oder bundesweit, der nur von Lyrik leben kann.“ Die diplomierte Sozialarbeiterin war über drei Jahrzehnte im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig: „Ich bin froh, frei zu sein in dem, was ich künstlerisch tue.“ Für Hewener stellt Selbstpublikation kein Stigma dar, sondern eine Chance: „Meine Bücher selber herauszugeben erlaubt mir, die Dinge zu bestimmen. Und ich muss mich nicht an Verkaufszahlen messen lassen.“

Lyrik unterliege anderen Gesetzmäßigkeiten als Prosa, es komme schon vor, dass man „Kritik einstecken muss, weil sie nicht auf dem Mainstream“ stattfindet. Generell führt Lyrik in Deutschland ein Nischendasein. Auf Lesungen trifft Hewener vorwiegend die ältere Generation. „Der Anteil der unter 40-Jährigen ist gering.“

Es fehle schlicht eine Lobby; „wo kein Angebot, da keine Nachfrage“. In den Gedichtabteilungen der großen Buchhandlungen findet man neben Klassikern „nichts außer Jan Wagner“. Sie selbst versucht es mit Bewusstseinsbildung bei den Jüngsten: Hewener leitet auf Anfrage Gedichtwerkstätten in Schulen. „Das Selberschreiben macht Türen im Kopf auf.“

Aber ist Lyrik überhaupt wichtig? „Schon“, nickt die begeisterte Chor-Sängerin. Weil sie „Zeitgeist widerspiegelt“ und Sprache „auf eine angenehme Art verknappt“. Der Gewinn für sie als Autorin ist die Gewissheit, dass sich andere Menschen mit ihren Gedankengängen auseinandersetzen – und nun auch über Zeilen von ihr schmunzeln.

Passend zur Weihnachtszeit ist jetzt auch  noch ihr neuestes Werk fertig geworden: „Kerzen, Wunder, Himmels-Zunder“ ist eine Mischung lustiger wie auch besinnlicher Geschichten und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit.

Vera Hewener: Kerzen, Wunder, Himmels-Zunder. Lustige und besinnliche Geschichten und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit. Edition Calamus. Verlag BOD Books on Demand. Norderstedt 2017. ISBN 9783744893824. 144 Seiten, 9,90 Euro.