Historiker Roland Paul berichtet im Saar-Landtag von der Deportation der Saar-Juden ins Lager Gurs in Süd-Frankreich

Gedenken an den Holocaust : Erinnerung an ermordete Juden

Beim Auschwitz-Gedenktag im Landtag berichtete der Historiker Roland Paul von den Schrecken des Lagers Gurs in Süd-Frankreich.

75 Jahre nach der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee gibt es im Saarland immer noch Lücken in der Geschichtsschreibung über die Verbrechen, die von Nationalsozialisten begangen wurden. Beim Auschwitz-Gedenktag am Montagnachmittag im großen Saal des Landtagsrestaurants berichtete der Pfälzer Historiker Roland Paul (68) auf Einladung von Landtagspräsident Stephan Toscani (CDU) von der ersten Massenverschleppung von Juden durch die Nazis am 22./23. Oktober 1940 aus dem Gebiet Baden, Pfalz und Saarland in das Barackenlager Gurs. Das Lager befand sich am Pyrenäenrand nahe der Stadt Pau im Gebiet des faschistischen Vichy-Regimes unter Marschall Philippe Pétain, der mit Adolf Hitler zusammenarbeitete und das südliche Frankreich kontrollierte.

„Der achtjährige Homburger Junge Fred Salomon wurde am frühen Morgen des 22. Oktober von seinen Gasteltern aus dem Bett geholt und an den Mannheimer Hauptbahnhof gebracht. Von dort ging es in drei Tagen nach Gurs“, beschrieb Paul das Schicksal des Jungen Fred und seiner Familie. Fred habe als Jude seit 1938 nicht mehr in Homburg zur Schule gehen dürfen und sei deshalb von seinen Eltern nach Mannheim zu der Gastfamilie gegeben worden. Seine Familie sah Fred in Gurs wieder, erklärte Paul. „Über 6500 Juden sind aus Baden, der Pfalz und von der Saar nach Gurs deportiert worden“, sagte Paul, der bereits vor Jahren ein Standardwerk über die Deportation der pfälzischen Juden verfasst hatte. Nun spürt er im Archiv von Pau und im Landesarchiv im Auftrag von Saar-Kultusministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) den Schicksalen der Saarländer nach, die auf Befehl des damaligen NS-Gauleiters Josef Bürckel verschleppt wurden. Paul betonte, dass neben jenen 134 Juden, die im Oktober 1940 zwangsweise ihre Heimat an der Saar verlassen mussten, noch weitere hinzukämen, die bis 1936 aus dem Saarland Richtung Frankreich geflohen waren und ab Juni 1940 von dem Vichy-Regime als „feindliche Ausländer“ ebenfalls nach Gurs verschleppt wurden. Nicht zu vergessen, so Paul, Kämpfer der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg, die nach der Niederlage der Republikanischen Armee gegen den Faschisten Franco nach Frankreich geflohen waren. Etwa 200 Saarländer, meist Kommunisten und Sozialisten, waren darunter.

„Alte und kranke Menschen starben in Gurs zuerst“, erklärte Paul. Die Zustände in den zumeist fensterlosen Holz-Baracken, wo oft sieben Menschen sich ein Bett teilen mussten, waren demnach menschenverachtend. Paul zitierte aus Berichten von Rot-Kreuz-Beobachtern aus der Schweiz und aus Portugal. Täglich seien 10 bis 15 Menschen in dem Lager, das 12 000 Menschen festhielt, gestorben. Das Lager sei als „Vorhölle“ vor Auschwitz beschrieben worden. Es habe dann viele Anstrengungen von Quäkern, dem Schweizer Bruderhilfswerk, der New Yorker „Baden-Pfalz-Hilfe“ und jüdischen Hilfsorganisationen gegeben, die Menschen aus Gurs herauszuholen. „Die meisten Kinder konnten so gerettet werden, die aber ihre Eltern nie wiedersahen“, sagte Paul. Die Homburger Familie Salmon habe auch Glück gehabt und Ende 1941 nach einer Odyssee New York erreicht. 1942 begannen dann die Deportationen aus Gurs Richtung Auschwitz. „Zwischen 66 und 75 der Saar-Juden, die in Gurs waren, wurden in Auschwitz ermordet“, berichtete Paul. Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Lebach, des Hochwald-Gymnasiums Wadern und der Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle erinnerten im Landtag ebenfalls an die Schicksale der Nazi-Verfolgten.